Kann Wärmedämmung einen höheren Heizenergieverbrauch verursachen?
Antwort
Wärmedämmung – egal ob im Rahmen von (energetischen) Sanierungen oder im Neubau – wird von einigen Menschen kritisch betrachtet oder gar abgelehnt. Grund dafür sind einige kursierende Mythen, die einer differenzierten Betrachtung bedürfen. Wichtig ist vor allem zu wissen, dass der Energieverbrauch von Gebäuden nicht allein von der Wärmedämmung bestimmt wird, sondern von einigen weiteren Faktoren, wie zum Beispiel:
- Der Heizenergieverbrauch von Gebäuden wird oft deutlich stärker vom individuellen Nutzerverhalten bezüglich Heizen und Lüften beeinflusst als vom energetischen Zustand der Gebäude selbst. Deshalb können sich die Heizenergieverbräuche in identischen Gebäuden oder Wohnungen in Extremfällen um mehrere hundert Prozent unterscheiden.
- Rund ums Heizen und Lüften spielt auch der Rebound-Effekt eine wichtige Rolle: Während vor einer energieeffizienten Sanierung oft nur wenige Räume moderat beheizt wurden, werden nach einer Sanierung häufig mehr Räume intensiver beheizt.
- Auch die Luftdichtigkeit der Gebäudehülle kann den Energieverbrauch eines Gebäudes mehr beeinflussen als die U-Werte (Wärmedurchgangskoeffizienten) der Bauteile.
- Die tatsächliche jährliche Energieeinsparung kann – abhängig von Sonneneinstrahlung (solare Wärmegewinnung), Himmelsrichtung, Standort, Fassadenfarbe und Verschattung – um bis zu 30 % unter den rechnerischen Werten liegen, das ist weit weniger, als durch Wärmedämmung erreicht werden kann.
- Solare Wärmegewinne sind besonders hoch, wenn die Sonne scheint. Gerade an kalten Wintertagen, in denen der Heizenergiebedarf am größten ist, ist die Sonneneinstrahlung jedoch oft gering und/oder nur kurzzeitig gegeben (umgekehrt kann Sonneneinstrahlung im Sommer zu unerwünscht hohen Raumtemperaturen führen!).
- Wärmedämmung stößt an wirtschaftliche Grenzen. Diese liegen häufig bei etwa 20 cm Dämmstärke. Größere Dicken führen nur noch zu geringen zusätzlichen Einsparungen. In solchen Fällen können Investitionen z. B. in Photovoltaik, Solarthermie oder Haustechnik wirtschaftlich sinnvoller sein.
Fazit
Der Energieverbrauch von Gebäuden hängt nicht nur von der Wärmedämmung der Außenwände ab, sondern von mehreren Faktoren. Dies führt oft zu Fehlinterpretationen.
Nicht jede Wärmedämmmaßnahme ist sinnvoll. Entscheidend ist eine ganzheitliche Betrachtung des Gebäudes, die Anforderungen die Berücksichtigung der Nutzerbedürfnisse sowie eine fachgerechte Planung und Ausführung mit den richtigen Materialien. Dies auch aus weiteren Gründen, etwa zur Vermeidung von Schimmelbildung und zur Optimierung des Raumklimas (höhere Oberflächentemperaturen, weniger Zugluft u. a.).
Damit im ganzheitlichen Sinne der Baubiologie alles richtig gemacht wird, empfiehlt sich eine fachgerechte Ausführungsplanung durch unabhängige Berater/innen wie z. B. durch entsprechend qualifizierte Baubiologische Beratungsstellen IBN. Unverzichtbar dabei ist meist auch ein Wirtschaftlichkeitsvergleich der empfohlenen Maßnahmen.
Diese Frage beantwortete Ihnen Josef Frey, Architekt und Mitarbeiter im IBN
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