Denkmal erneuerbar

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Das denkmalgeschützte „Schlössle“ von 1711 war stark durchfeuchtet. Bei Sanierung und Ausbau wurden Mauerwerk und Keller trockengelegt. Mit Photovoltaik, Batteriespeicher, Pelletheizung und Wandtemperierung ist es heute komplett erneuerbar.

Autor

Achim

Pilz

freier Journalist, Kurator, Juror und Berater, Baubiologe IBN und Chefredakteur des Baubiologie Magazin.

Das stattliche, zweigeschossige Satteldachhaus in Beuren, einem Ortsteil von Pfaffenhofen an der Roth wurde um 1711 von der Kartause Buxheim – ein ehemaliges Kloster bei Memmingen – erbaut. Seine repräsentative Empfangsseite mit profilierten Traufgesimsen, aufgemalten Eckquadern und einer Reihe von ruhig angeordneten, ornamentiert gerahmten Sprossenfenstern sowie der Spitzname „Schlössle“ weisen auf die Nutzung als Amtsschloss und gelegentlicher Wohnsitz der Ortsherren hin.

Das Gebäude steht heute komplett unter Denkmalschutz. Als es die neuen Besitzer kauften gab es darin drei Wohnungen mit zusammen fast 500 m² Wohnfläche. Die Zimmer haben stattliche Höhen mit zum Teil mehr als drei Metern und sind gehoben ausgestattet. Kreuzgratgewölbe, Stichkappentonne und Fenster mit tiefen Stichbogennischen im Erdgeschoss machen es heimelig. Im 1. Stock gibt es an den Decken geschwungene Stuckrahmen – teilweise noch von 1730 – und aufwendige Türen mit so genannter Verdachung. Auch der Dachstuhl ist original.

Das Gebäude ist nur zu einem Viertel unterkellert. Von den insgesamt drei Kellern ist einer überwölbt. Ein Öl-Heizkessel war Mitte der 1980er Jahre installiert worden.

Ambitionierte Sanierungsziele

Ziel der Sanierung war der Ausbau der westlichen Räume, die bisher als Garage und Lager genutzt wurden, das Trockenlegen der feuchten Wände und ein Umstellen auf 100 % erneuerbare Energien und deren effiziente Nutzung. Energieberater und Baubegleiter war Rolf Canters vom Ingenieurbüro Bau PLUSEnergie, das neben privaten Bauherren auch Unternehmen und Kommunen berät. Canters ist Baubiologe (IBN), BAFA-Vor-Ort, KfW-Effizienz- und Klimaschutzberater sowie Landessprecher von Baden-Württemberg des DEN (Deutsches Energieberater-Netzwerk e.V.).

Die Bauherren stimmten jede Maßnahme einzeln mit dem Denkmalamt ab und ließen sich schriftliche bescheinigen, dass sie steuerlich berücksichtigt wird.

Neue Fenster

Auf der westlichen Stirnseite wurden vier hohe Fenster neu in die Wand gebrochen, um die neue Wohnung großzügig zu belichten. Im Innenraum waren genau diese Formate in der halben Wandstärke schon angelegt gewesen, wahrscheinlich, um ressourcenschonend möglichst wenig Steine einsetzen zu müssen. Die Nischen waren von Stichbögen überwölbt, so dass die neuen Fenster ähnlich aussehen, wie die alten.

Die bestehenden Fensteröffnungen erhielten neue Sprossenfenster mit Isoliergläsern. Die durchgehenden Sprossen verschlechtern allerdings den Uw-Wert. Neue, innenliegende Fensterläden verschatten gut. Laut KfW waren sie aber nicht förderfähig.

Sockeltemperierung entfeuchtet Mauern

Die ca. 80 cm dicken Wände des Denkmals besaßen keine Fundamente. Die vor Ort porös gebrannten Ziegelsteine waren im Sockelbereich umlaufend durchfeuchtet. In der nördlichen Hausecke waren zudem die Abwasserleitungen undicht gewesen und hatten die Ecke noch höher und tiefer geschädigt. Die porösen Ziegel hatten sich mit Wasser vollgesaugt. „Das Wichtigste war, die Mauern trocken zu bekommen“, erklärt Bauphysiker Canters. „Ein feuchter Sockel leitet die Wärme viel besser.“ Zur Trockenlegung ließ er eine Sockeltemperierung mit zwei Kupferleitungen einbauen. Nachdem sie die Feuchtigkeit vollständig ausgetrieben hatte, ist der Dämmwert der Wand wieder deutlich besser. Zusammen mit den anderen Maßnahmen konnte der Energieverbrauch halbiert werden. Auch feuchte Stellen wie Ausgänge wurden temperiert. Im EG erhielten zwei Stufen je zwei Kupferleitungen.

1 Die Energieversorgung des denkmalgeschützten „Schlössle“ in Beuren ist nach über 300 Jahren wieder erneuerbar.
2 Die Fassade mit den historischen Fensterlaibungen blieb weitgehend ungedämmt. Für die hohen Fenster wurden Nischen geöffnet.
3 Feuchte Stellen, wie zwei Stufen im EG und der gesamte Sockel wurden mit Kupferleitungen temperiert.
4 Die Nischen wurden bis Brüstungshöhe in der halben Tiefe mit einem Dämmziegel zugemauert und temperiert.
5 Frisch mit Kalk verputzt ist die traditionelle Nische noch erlebbar, wenn auch nur in der halben Tiefe.
6 Ein Holzofen je Wohnung ist Lüftung, Komfortgewinn und Notheizung gleichermaßen.
7 Der Strom vom Dach des Denkmals wird komplett selbst genutzt.

Sparsame Dämmung

Schadhafte oder wegen Schimmel entfernte Putze ließ Canters mit Kalk-Dämmputz auffüllen, sonst blieb die Wand ungedämmt. „Bei dem dicken Gemäuer ist die Trockenheit der Wand deutlich wichtiger als eine Dämmung“, betont er.

Auch ein aus dem Grundriss ragender Keller war durchfeuchtet. Seine Wände waren nicht abgedichtet und eine Drainage fehlte. Der Bauphysiker ließ die Bergseite abgraben, ihn von außen mit Bitumen abdichten und eine Drainage nachrüsten. Nun ist der Keller trocken, so dass dort Holzpellets lagern können. Auch den Boden über dem Gewölbekeller in der Nordecke des Hauses hatten die undichten Abwasserleitungen durchfeuchtet. Er wurde ausgetauscht und durch Glasschaumschotter ersetzt. Die meisten Bodenbeläge waren zu feucht, so dass sie entfernt wurden. Da nur wenig Platz für den Bodenaufbau zur Verfügung stand, wurde unter den neuen Parkettböden mit PU gedämmt. In zwei Zimmern konnte der alte Bodenaufbau mit Parkett erhalten werden.

Gedämmt wurde nur in Bereichen, wo Kosten und Verbesserung in einem guten Verhältnis standen. „Die Schwachstellen waren die 40 cm tiefen Nischen“, sagt der Energieberater. Er ließ die Wandnischen aus optischen Gründen in der halben Mauerstärke mit leichten Hochlochziegeln dämmen und halbierte damit den dortigen U-Wert.

Das Dach, das vor wenigen Jahren erneuert worden war, beließ er und dämmte die obere Geschossdecke neu. Die dort offen aufgelegte Mineralfaser wurde entfernt und fachgerecht entsorgt. Auf die geöffneten Decken wurde ein Kreuzlager aus Holz gelegt und mit Perlit aufgefüllt.

Bauingenieur Canters riet auch, das Kreuzlager zur Stabilisierung der großen Decke heranzuziehen. Dank einem Fußboden aus neuen Nut- und Federbrettern kann der Dachraum jetzt wieder genutzt werden.

Erneuerbare Heizung

Die Wärme erzeugt ein neuer Pelletkessel mit 45 kW Leistung. Ein thermischer Kollektor ist nachrüstbar. Die begrenzte Raumhöhe im Keller machte es erforderlich, statt einem zwei kleinere Pufferspeicher von je 800 l aufzustellen.

Die neue Heizung im EG – eine Flächentemperierung des gesamten Bereichs bis zur Brüstungshöhe – ist ein Niedertemperatursystem mit geringer Rücklauftemperatur und einer guten Spreizung von 15 K. Vorbildlich nachhaltig wurde der vorhandene Handtuchheizkörper im Badezimmer weiter genutzt. Sein Rücklauf läuft jetzt durch die Temperierung, die durch eine Fußbodenheizung ergänzt wird. Gefangene Sanitärräume erhielten zudem eine Abluftanlage.

Der Energieberater ist von der Flächenheizung mit Kupferleitungen begeistert: „weil die so ressourceneffizient ist.“  Vorschriften bemängelt er: „in einer normalen hydraulischen Berechnung bekommt man so eine Heizung nicht hin.“ Denn der gute Wärmeübergang zwischen Kupferrohr und Putz werde bisher in der Heizlastberechnung nicht berücksichtigt.

Auch die bestehenden Wohnungen im OG wurden an die Wärmespeicher angeschlossen. Hier konnten die Heizkörper weitgehend erhalten werden. Heute sind sie mit neuen Heizkörper-Thermostaten ausgestattet, die auch den hydraulischen Abgleich ermöglichten. Die wenigen, durch Feuchte geschädigte Nischen wurden ebenfalls wie im EG gedämmt.

Ergänzend zur Heizung und zur Temperierung steht in jeder Wohnung ein raumluftabhängiger Holzofen. „Wir haben mit Absicht keine raumluftunabhängige Feuerung gewählt“, so Canters, denn so werden die Wohnungen auch mit entfeuchtet.

Photovoltaik auf dem Denkmal

Auch die Photovoltaik in der roten Dachfarbe wurde mit dem Denkmalamt abgestimmt. Dank einer Batterie wird genügend Strom zwischengespeichert, mit dem alle vier Wohnungen erneuerbar versorgt werden können. Zusammen mit der Heizung ist das über 300 Jahre alte Schlössle heute komplett erneuerbar und bestens für seine zweite Lebenshälfte gewappnet. Die Bewohner schätzen den neuen Wohnkomfort und das gesunde Innenraumklima.

Quellenangaben

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Bilder: Rolf Canters

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