Kultur trifft Nachhaltigkeit – Solarenergie für Theater

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Im "Theater am Rand" gibt es Kreatives nicht nur auf der Bühne zu entdecken, sondern auch darunter, auf dem Dach und auf den Bänken. Luftkollektoren, eine Hypokauste, eine solarelektrische Sitzheizung und ein Holzofen erwärmen die naturnahe Grassroots-Spielstätte erneuerbar.

Autor

Achim

Pilz

freier Journalist, Kurator, Juror und Berater, Baubiologe IBN und Chefredakteur des Baubiologie Magazin.

Vor 40 Jahren startete das Theater im Wohnzimmer eines schönen Fachwerkhauses aus der Zeit Friedrich des Großen in Oderaue, am Oderbruch. Dann wurde auf der angrenzenden Wiese erst eine Bühne und dann eine Überdachung gebaut. Bei allen Maßnahmen stand die Ökologie im Vordergrund – von wiederverwendeten Baustoffen bis zu Komposttoiletten für die Zuschauer. Nach und nach entstand ein Zuschauerhaus mit heute 190 Sitzplätzen. Die Wände sind aus fünf Zentimeter starken Holzbohlen, das Dach aus Rundhölzern. Auch die Landschaft des Oderbruchs wird in die Stücke integriert. Eine dreilagige Folienplane auf der Rückseite der Bühne wird im Sommer ganz zur Seite geschoben und gibt den Blick über die weite Landschaft frei. Der nicht geschlossene Raum gilt entsprechen dem Gebäudeenergiegesetz GEG nicht als Gebäude, sondern nach offizieller Genehmigung als „offene Sommerbühne mit mobiler Winterschließung“.

1 Das „Theater am Rand“ liegt am Rand der besiedelten Zone. Dahinter öffnet sich die weite Landschaft des Oderbruchs
2 Ökologie und Energie sind Schwerpunkte des organisch gewachsenen Gebäudes aus Rundhölzern.
3 Der Bezug zur Natur ist bestimmend für die „offene Sommerbühne mit mobiler Winterschließung“
4 Das Gebäude ist komplett zur Natur zu öffnen
5 Immerhin 190 Zuschauer fasst der Theaterraum

Solarturm speist Hypokauste

Das Heizsystem wuchs mit den Räumen. 2010 wurde Günther Ludewig (Energieberater, ökologischer Architekt mit 40 Jahren Berufserfahrung im Büro sol•id•ar Architekten & Ingenieure, seit 2012 Vorstand des Bund Architektur und Umwelt B.A.U.) hinzugezogen. Das Theater brauchte ein dauerhaftes Bühnendach mit begehbarem Gang für die Beleuchterund daran anschließendem Raum für Kulissen, Artisten u. ä. Vor Ort entwickelten der Theaterkünstler Tobias Morgenstern und Ludewig am Modell eine Dachskulptur, die nicht nur Witterungs- und Wärmeschutz bietet, sondern durch Architektur und Material zudem auch Sonnenenergie gewinnt und schon aus der Ferne gut wahrnehmbar ist. So steht jetzt auf einem ringförmigen Tragwerk ein acht Tonnen schwerer Solarturm, der durch seine asymmetrische Neigung maximal Solarenergie aufnehmen kann. Fünf seiner zwölf Seiten sind als handwerklich hergestellte Luftkollektoren ausgebildet. An sonnigen Tagen entstehen darin Temperaturen von 40 bis 50 K über Umgebungstemperatur. Je nach Stand der Sonne werden einzelne Kollektorgruppen über Ventile zu- oder abgeschaltet. Die geerntete Wärme steigt nach oben und wird über ein wärmegedämmtes Rohr unter den Bühnenboden geblasen. Der Boden der Bühne ist als nach unten mit Schaumglasschotter gedämmte Hypokauste ausgebildet. Die warme Luft wird im geschlossenen Kreislauf durch die Hypokauste und wieder in den Kollektor geleitet. Auf diese Weise wird die Bühne tags erwärmt. Wenn abends die Zuschauer kommen, wird mit einem Holzofen dazugeheizt. Allerdings hatte das Gebäude noch viele undichte Stellen, die nach und nach ausgebessert werden.

Solarstrom für Sitzheizung

2024 gab es ein Förderprogramm, durch das die Arbeiten fortgesetzt werden konnten. Die Förderung richtete sich an kulturelle Einrichtungen, die durch Energiepreissteigerung aufgrund des Ukraine-Kriegs in wirtschaftliche Notlagen geraten waren. Wieder wurde Ludewig gebeten, seine Expertise einzubringen. Sein neues Sanierungskonzept reduziert die laufenden Kosten des Theaters und steigert den Komfort der Zuschauer. 15 Maßnahmen wurden beantragt (s. Zeichnung), 14 wurden vom Ministerium wohlwollend, kooperativ und relativ schnell bewilligt. Wichtigste Frage war, wie kostenminimiert und komfortabler geheizt werden kann. Ein wassergebundenes Heizsystem wäre nicht möglich gewesen. Denn im Winter ist das Theater unbeheizt und es kann im Theater auch frieren. Eine Luftheizsystem wäre möglich gewesen, aber das Luftvolumen ist immens und Strömungsgeräusche stören. Ludewig empfahl ein flinkes Stromheizsystem, mit Solaranlage, Batteriespeicher und Sitzkissenheizung der Holzbänke im Zuschauerraum. Die Niedervoltanlage hat eine große Effizienz, weil sie mit Gleichstrom direkt bei den Zuschauern heizt. Der Eigenstrom kommt aus einer 28 kWp-Anlage. Gespeichert wird der Strom in zwei Batteriespeichern von 12 und 8 kWh. Außerdem erhielten auch die Stuhlreihen vor der Bühne eine elektrische Fußbodenheizung, das Gründach erhielt eine Wärmedämmung, der Eingangsbereich einen Windfang, einige Lecks wurden abgedichtet und die Steuerung des Solarturms wurde automatisiert. Die erfolgreichen energetischen Sanierungen wurden Ende 2024 in Betrieb genommen.

6 Der Zugang von der Straße wird flankiert von einem Wirtshaus
7 Schon 2013 stattete Ludewig den Aufführungsraum mit einem Solarturm aus, dessen Form der Sonnenlauf bestimmt
8 Luftkollektoren im Solarturm sammeln warme Luft, die eine Hypokauste unter dem Bühnenboden heizt – träge aber lang anhaltend
9 Die aktuellen energetischen Ertüchtigungen wurden durch ein einmaliges, lokales Förderprogramm bewilligt und bis Ende 2024 ausgeführt
10 PV-Anlage und Stromspeicher versorgen eine sehr effiziente Niedervoltanlage ohne Wechselrichterverluste …
11 … und heizen sehr flink die Sitzkissen der bis zu 190 Besucher

Drei Fragen an den Architekten und Energieberater Dr. Ing. Günther Ludewig

Wie kam es zu dem expressiven Turm auf dem Dach des Theaters am Rand?

In einem diskursiven Prozess hatten wir damals ein Dach für die Bühne entworfen und aus dem Dach ein Wärmegewinnungssystem gemacht. Der Solarturm fängt mit Luftkollektoren möglichst viel Sonne ein. Die geerntete Wärme wird in den Bühnenboden geleitet, der als Hypokauste ausgebildet ist.

Ist eine Hypokauste nicht ein sehr träges Heizsystem?

So ist es. Es ist auch nicht für die Veranstaltungen gedacht – abends scheint ja keine Sonne mehr. Sondern es sorgt tags dafür, dass es bei den Proben auf der Bühne warm ist und man den Holzofen nicht anwerfen muss.

Und für die Zuschauer heizen Sie mit Strom?

Ja, die Stromheizung ist sehr flink und hat eine sehr gute Effizienz, weil sie eine Niedervoltanlage ist und mit Eigenstrom direkt den Nutzer erwärmt.

Dr.-Ing. Günther Ludewig, Energieberater, ökologischer Architekt und Vorstand des Bund Architektur und Umwelt B.A.U.

Quellenangaben

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Bilder: Günther Ludewig

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