Technologie-Transferzentrum für Baubiologie und Wohngesundheit TTZ an der Hochschule Rosenheim

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2025 wurde an der Technischen Hochschule Rosenheim das "Technologie-Transferzentrum für Baubiologie und Wohngesundheit" gegründet. Dessen Direktor, Prof. Dr. habil Ulrich Zißler, beantwortet unsere Fragen zu den Aufgaben des TTZ und den Kooperationsmöglichkeiten mit dem IBN.

Prof. Dr. Ulrich Zißler

Diplom-Biologe, Professor für Baubiologie und Wohngesundheit, Direktor des Technologie-Transferzentrums für Baubiologie und Wohngesundheit, Privatdozent an der Technischen Universität München, PI des Deutschen Zentrums für Lungenforschung (DZL) Technische Hochschule, 83024 Rosenheim

DIE FRAGEN STELLTE
Winfried Schneider

Winfried

Schneider, IBN

Architekt und ehemaliger Geschäftsführer des Institut für Baubiologie + Nachhaltigkeit IBN

Wie kam es zur Gründung des TTZ? 

Die Technologietransferzentren (TTZ) sind Teil der Hightech Agenda Bayern und sollen die Innovationskraft in den Regionen stärken. Ziel ist es, die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Unternehmen zu fördern, um wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis zu bringen. Gerade für kleine und mittlere Betriebe ohne eigene Forschungsabteilung ist das eine große Chance. In Freilassing werden die Räume vom Landkreis Berchtesgadener Land bereitgestellt, während der Freistaat Bayern einen Teil der Laborausstattung und des Personals in der Startphase finanziert. So entsteht ein ganz besonderer Ort, an dem Wissen aus der Hochschule direkt in regionale Innovationen umgesetzt wird.

Was hat Sie bewogen, die Leitung des TTZ zu übernehmen?   

Meine beruflichen Wurzeln liegen in der Biologie und Medizin, meine Heimat im Chiemgau. Die Leitung des TTZ ermöglicht es mir, mein Wissen praxisnah auf das Thema „gesunde Innenräume“ zu übertragen. Mich fasziniert, wie stark Umweltfaktoren und Materialien auf die Gesundheit wirken können. Diese Zusammenhänge zu erforschen und wissenschaftlich zu belegen, sehe ich als Beitrag zu einem nachhaltigeren und gesünderen Bauen – ganz im Sinne von Prof. Anton Schneider, dem Gründer des IBN Rosenheim.

Gibt es noch weitere Mitarbeitende? 

Unser TTZ-Team wächst stetig. Neben mir als Direktor in der Gesamtverantwortung gibt es die operative Leitung, die Laborlaborleitung, verschiedene Arbeitsgruppenleiter, Doktoranden, studentische Hilfskräfte und Gastwissenschaftler aus vielen Disziplinen. Diese interdisziplinäre Zusammensetzung ist entscheidend, um komplexe Themen wie Innenraumluft, Materialforschung oder Gesundheitswirkungen umfassend zu betrachten.

Was werden die Schwerpunkte Ihrer Arbeit sein?

Im Zentrum steht die Forschung, um Auswirkungen von Emissionen z.B. aus Baumaterialien und Werkstoffen sowie Bestandteile der Raumluft auf den menschlichen Körper zu untersuchen und zu verstehen. Ziel ist es, zu verstehen, wie das Immunsystem und das Gewebe auf Schadstoffe reagieren und anschließend daraus abzuleiten, welche Materialien und Bauweisen gesundheitlich unbedenklich sind. Dabei sollen auch Personengruppen mit erhöhter Empfindlichkeit wie Kinder, ältere Menschen oder chronisch Kranke berücksichtigt werden.

Auf welche Aufgaben freuen Sie sich besonders?

Ich freue mich darauf, die Baubiologie stärker mit der internationalen Forschung zu vernetzen und ihr eine solide wissenschaftliche Basis durch evidenzbasierte Forschung zu geben. Es ist Zeit, dass die Themen, die Baubiologen seit Jahrzehnten vertreten, aus der „Nische“ heraustreten und durch mehr Daten untermauert werden. Wenn Gesundheit bei der Gebäudeplanung selbstverständlich berücksichtigt wird, wäre das ein großer Erfolg für uns alle.

Wie arbeitet das TTZ mit der Technischen Hochschule Rosenheim zusammen?  

Das TTZ ist organisatorisch Teil der TH Rosenheim, aber keiner Fakultät direkt zugeordnet. Dadurch kann es fakultätsübergreifend arbeiten – von Bauwesen bis Gesundheit. Ich selbst bin habilitierter Biologe und Molekularmediziner und eng in die Promotionskollegs „Advanced Building Technologies“ und „Gesundheitswissenschaften“ eingebunden. Diese Struktur ermöglicht es, verschiedene Disziplinen miteinander zu verbinden und gleichzeitig den wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern – ein großer Vorteil für die Baubiologie.

Werden Sie auch Vorlesungen halten?   

Ja, das ist geplant. Neben meiner Lehre in Molekularer Medizin an der TU München möchte ich in Rosenheim praxisnahe Lehrformate entwickeln – etwa zu Themen wie wohngesundes Bauen, Innenraumklima oder Gesundheitswirkungen. Wir werden aber auch Weiterbildungsangebote und Schulungen vor Ort bei interessierten Unternehmen und Einrichtungen anbieten. Ziel ist es, Studierende aus Architektur, Bauingenieurwesen und Gesundheit früh für diese Zusammenhänge zu sensibilisieren. Allerdings gehört zur Lehre an den Hochschulen auch die Betreuung von Nachwuchswissenschaftlern, ein genauso wichtiges Thema. Hier besteht auch ein Anknüpfungspunkt im Rahmen einer „Industrie-Promotion“ für interessierte Unternehmen, wenn ein Mitarbeiter die Voraussetzungen für eine Promotion erfüllt.

Wie wird das TTZ finanziert? 

In den ersten fünf Jahren wird das Zentrum durch eine staatliche Anschubfinanzierung getragen. Langfristig kommen Mittel aus Forschungsförderungen, etwa von der DFG, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung oder der EU, hinzu. Zudem werden auch Projekte durch Kooperationen mit Unternehmen gefördert, die gemeinsam mit dem TTZ ihre Ideen zu einer gesunden Wohnumwelt umsetzen oder neue Materialien oder Verfahren entwickeln möchten.

Das TTZ wird auch mit Firmen zusammenarbeiten – kann das TTZ trotzdem unabhängig forschen?

Ja, selbstverständlich. Ich möchte hierzu aber betonen, dass Kooperation bei uns nicht Abhängigkeit bedeutet. Die wissenschaftliche Unabhängigkeit ist durch das Grundgesetz gesichert. Unternehmen können Projekte anstoßen und mit uns gemeinsam umsetzen, aber nicht die Forschungsausrichtung bestimmen. Wir arbeiten nach den Regeln guter wissenschaftlicher Praxis – transparent, ethisch und mit dem Ziel, objektive Erkenntnisse zu gewinnen.

Wird das TTZ mit dem Institut für Baubiologie + Nachhaltigkeit IBN kooperieren?

Ja, das wünsche ich mir ausdrücklich. Das IBN bringt jahrzehntelange Erfahrung aus der Praxis ein, während das TTZ einen multidimensionalen wissenschaftlichen Hintergrund, modernste Forschungsmethoden und Laborkapazitäten bietet. Gemeinsam können wir den Brückenschlag schaffen zwischen Theorie, Forschung sowie praktischer Anwendung und damit die Grundlagen für gesunde und nachhaltige Lebensräume weiterentwickeln.

Welche Schnittmengen sehen Sie zwischen dem TTZ und dem IBN?

Eine Zusammenarbeit bietet enormes Potenzial. Das IBN verfügt u. a. über Erfahrung in Bewertung, Messung gesundheitlicher Risikofaktoren und Zertifizierung von Materialien und Gebäuden, das TTZ über wissenschaftliche, analytische und ergänzende messtechnische Kompetenz u. a. auch im Bereich der Medizin. Gemeinsam lassen sich neue Standards für Wohngesundheit, bessere Bewertungsmethoden und praxisnahe Leitfäden entwickeln. Ziel ist eine Verbindung von wissenschaftlicher Präzision und baubiologischer Erfahrung.

Sehen Sie Potenzial für neue Erkenntnisse, die auch für die Ziele der Baubiologie wertvoll sind?

Absolut. Die Kombination aus moderner Sensorik, hochauflösender Datenanalyse und baubiologischer Erfahrung kann präzise Mess- und Bewertungsmethoden liefern, etwa für die Beurteilung von Luftqualität, Schadstoffen oder elektromagnetischen Feldern. Ebenso spannend ist die Materialforschung. Wir wollen herausfinden, welche Werkstoffe wirklich gesundheitlich unbedenklich und nachhaltig sind. Auch digitale Anwendungen wie KI-gestützte Gebäudeanalysen aus den Arbeitsgruppen an der TH Rosenheim und des TTZ können Baubiologen künftig unterstützen, Entscheidungen evidenzbasiert zu treffen.

Wie kann man sich über die laufende Arbeit des TTZ informieren?   

Über die Homepage der TH Rosenheim halten wir Interessierte auf dem Laufenden. Dort veröffentlichen wir Forschungsberichte, Publikationen und aktuelle Projekte. Und natürlich stehen mein Team und ich auch direkt für Austausch und Kooperationen bereit, denn meiner Meinung nach lebt der Wissenstransfer vom persönlichen Dialog.

Vielen Dank für das Interview!

Kommentar des IBN

Schon immer ist es ein wichtiges Ziel des IBN, dass die Baubiologie auch an Hochschulen gelehrt wird. Deshalb begrüßen wir es sehr, dass die Baubiologie an immer mehr Hochschulen an Bedeutung gewinnt. Deshalb wird das IBN diese positive Entwicklung engagiert und in partnerschaftlicher Zusammenarbeit auch mit dem TTZ begleiten.
Dem TTZ wünschen wir viel Erfolg und alles Gute bei der Umsetzung seiner Ziele. Gerne unterstützen wir es dabei nach besten Kräften.

Quellenangaben

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2 Kommentare

  1. Ich finde es sehr gut und äußerst wichtig, dass das Thema Baubiologie endlich an den Hochschulen eine wichtige Rolle einnimmt.
    Interessant wäre noch gewesen, wie Herr Zißler als „Nicht-Architekt“ in einem architektonische Spezialgebiet sich die notwendige Fachkenntnis aus der Architektur in das Transferzentrum hereinholen wird.

    Antworten
    • Der Beitrag sollte verdeutlichen, dass mein Ansatz darauf beruht, spezialisierte Themenfelder, auch im architektonischen Bereich, gezielt über etablierte und weiter auszubauende Kooperationsstrukturen abzudecken. Bereiche, die außerhalb meiner unmittelbaren Kernkompetenzen liegen, bearbeite ich systematisch in enger Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen sowohl innerhalb der Hochschule als auch mit externen Fachpartnern. Als Institut der TH Rosenheim steht uns dabei das ausgewiesene Fachwissen unserer Fakultät für Innenarchitektur, Architektur und Design (IAD) ebenso zur Verfügung wie die Expertise erfahrener Praxispartner. Diese interdisziplinäre Vernetzung ermöglicht es uns, architektonische Fragestellungen nicht nur adäquat, sondern integrativ unter baubiologischen und umweltmedizinischen Gesichtspunkten zu beantworten. Zugleich sehe ich es als Teil meiner Aufgabe, das Transferzentrum als zentrale und kompetente Anlaufstelle für projektbezogene Kooperationen im Themenfeld Baubiologie weiter zu profilieren.
      Abgesehen davon werden wir – wie im Interview bereits erläutert – den Kontakt zu baubiologischen Institutionen wie dem IBN, dem VB oder dem VDB pflegen.

      Antworten

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Portraitbild: Lisa Lanzinger

Prof. Dr. Ulrich Zißler

Diplom-Biologe, Professor für Baubiologie und Wohngesundheit, Direktor des Technologie-Transferzentrums für Baubiologie und Wohngesundheit, Privatdozent an der Technischen Universität München, PI des Deutschen Zentrums für Lungenforschung (DZL) Technische Hochschule, 83024 Rosenheim

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& Produkte" angezeigt werden?: ja

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