Stefan Sellner, neuer Geschäftsführer des IBN: Interview über seine Visionen und Ziele
Stefan, zum Jahreswechsel übernimmst du die Geschäftsführung des IBN. Wie kam es dazu?
Der Kontakt zum IBN begleitet mich schon lange. Ich habe meine Ausbildung zum Baubiologen IBN gemacht, später selbst eine Beratungsstelle aufgebaut und über viele Jahre erlebt, welche Bedeutung das Institut für Menschen hat, die sich ernsthaft mit gesundem Bauen und Wohnen auseinandersetzen. Als Winfried mich gefragt hat, ob ich seine Aufgabe als Geschäftsführer des IBN übernehmen möchte, haben wir Gespräche geführt – offen, ruhig und ohne Zeitdruck. Für mich war schnell klar: Das ist keine Position, die man einfach übernimmt, sondern eine Verantwortung, die man weiterträgt. Genau so verstehe ich diesen Schritt. Ich sehe diese Aufgabe als große Chance und bin sehr dankbar für das Vertrauen, das mir damit entgegengebracht wird. Das ist für mich keineswegs selbstverständlich. Gerade deshalb bin ich mir der Verantwortung bewusst, die mit dieser Rolle verbunden ist – gegenüber dem Institut, der Community und der Baubiologie insgesamt als ganzheitliches Konzept.
Warum hast du dich für diese Aufgabe entschieden?
Ich komme aus der Baupraxis. Ich habe viele Jahre im Handwerk gearbeitet, Baustellen begleitet und Bauherren durch komplexe Entscheidungsprozesse geführt. Als Zimmermann, Bauingenieur und Baubiologe habe ich das Bauen aus unterschiedlichen Perspektiven kennengelernt – vor allem dort, wo es konkret wird: auf der Baustelle und im direkten Kontakt mit den Menschen. Diese Erfahrungen zeigen einem sehr deutlich: Gebäude entstehen nicht nur aus Technik, Normen und Materialien. Sie entstehen aus Entscheidungen – oft unter Unsicherheit, Zeitdruck und emotionaler Belastung. Ich habe dabei gelernt, dass nicht die Anzahl der Antworten entscheidend ist, sondern die Qualität der Fragen. Die Qualität einer Baustelle – und oft auch die Qualität des Lebens in diesem Haus – wird sehr früh durch die Fragen bestimmt, die gestellt werden. Die Baubiologie hilft, genau diese Fragen zu stellen. Sie gibt einen Rahmen, um Entscheidungen bewusster, klüger und menschlicher zu treffen. Ich sehe mich dabei nicht als jemand, der Antworten vorgibt, sondern als jemand, der Räume für gute Entscheidungen öffnet. Dieses Verständnis möchte ich im IBN weitertragen und stärken.
Die ganze Welt bemüht sich heute um Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Braucht es Baubiologie und das IBN überhaupt noch?
Gerade deshalb braucht es die Baubiologie. Nachhaltigkeit wird heute stark über Kennzahlen, CO₂-Bilanzen und Effizienz diskutiert. Das ist wichtig, greift aber zu kurz, wenn wir den Menschen dabei aus dem Blick verlieren. Gesunde Räume, schadstoffarme Materialien, ein gutes Raumklima und langfristige Nutzbarkeit sind keine Nebenthemen – sie sind die Grundlage dafür, dass Gebäude wirklich nachhaltig sind. Baubiologie versteht Nachhaltigkeit ganzheitlich. Sie fragt nicht nur: Was spart Energie? Sondern auch: Was tut Menschen gut? Gleichzeitig hat sich die Welt verändert. Bauprozesse sind komplexer geworden.
Informationen sind überall – Orientierung nicht.Ich sehe die Aufgabe des IBN darin, hier Orientierung zu geben – verständlich, praxisnah und ohne zu polarisieren, aber mit Verantwortung. Dazu gehört für mich auch, den Dialog mit angrenzenden Bereichen wie dem Gesundheitswesen weiter zu öffnen – immer dort, wo sich Bauen, Wohnen und Gesundheit konkret begegnen.
Wo werden Baubiologinnen und Baubiologen heute besonders gebraucht?
Überall dort, wo Menschen bauen, sanieren oder Räume gestalten – und sich dabei mehr wünschen als nur die Erfüllung technischer Mindeststandards. Ich erlebe einen großen Bedarf in frühen Entscheidungsphasen: bei Bauherren, die Orientierung suchen, bei Planern, die ganzheitlicher denken wollen, und bei Handwerkern, die Qualität nicht nur handwerklich, sondern auch gesundheitlich verstehen möchten. Baubiologen können hier eine wichtige Rolle einnehmen: als Übersetzer zwischen Fachwissen und Alltag. Nicht als Besserwisser, sondern als Begleiter. Im Kern geht es dabei immer um die Beziehung zwischen dem Menschen und seiner gebauten Wohn- und Arbeitsumwelt – also um die Orte, an denen wir wohnen, arbeiten und einen großen Teil unseres Lebens verbringen.
Wie verstehst du deine Rolle als Geschäftsführer des IBN?
Ich sehe meine Aufgabe vor allem darin, zu verbinden. Das IBN verfügt über eine enorme fachliche Tiefe, über Erfahrung, Wissen und ein starkes Netzwerk. Meine Rolle ist es nicht, das alles neu zu erfinden, sondern Zugänge zu schaffen: zwischen Theorie und Praxis, zwischen Ausbildung und Anwendung, zwischen Institut und Community. Das IBN soll weiterhin eine unabhängige, neutrale Instanz bleiben. Ein Ort für Bildung, Austausch und Einordnung. Dafür möchte ich Räume schaffen, in denen sich Wissen entfalten und weiterentwickeln kann.
Was ist dir im Umgang mit der IBN-Community besonders wichtig?
Respekt und Offenheit. Das IBN lebt von den Menschen, die sich hier engagieren – von Absolventinnen und Absolventen, Beratungsstellen, Dozenten und Wegbegleitern. Dieses Wissen und diese Erfahrung sind das Fundament des Instituts. Ich wünsche mir einen offenen Austausch, gegenseitiges Lernen und die Bereitschaft, Entwicklungen gemeinsam zu gestalten. Baubiologie war nie ein starres System. Sie war immer ein Prozess – und genau so soll sie auch weitergedacht werden.
Zum Abschluss
Ich arbeite dafür, dass wir wieder für Generationen bauen. Mit langlebigen, ehrlichen Materialien. Mit einem klaren Fokus auf Gesundheit und Wohlbefinden. Gebäude sollten Orte sein, an denen man sich erholen kann – keine Produkte von der Stange. Dafür braucht es Entschleunigung, Qualität und Verantwortungsbewusstsein. Und die Bereitschaft, das Wissen von früher mit den Möglichkeiten von heute zu verbinden, statt ständig alles neu erfinden zu wollen. Bauen ist kein rein technischer Vorgang. Es ist ein kultureller Akt. Und damit immer auch eine Frage von Verantwortung – für die Menschen, die in Gebäuden leben und arbeiten, für die Umwelt, in der sie entstehen, und für die Menschen, die am Bau beteiligt sind. Wenn wir diese Verantwortung ernst nehmen, entstehen Gebäude, die bleiben. Und die gut tun.
Kommentar
von Winfried Schneider, Geschäftsführer des IBN von 2010 bis 2025
Nach vielen Jahren in der Verantwortung übergebe ich die Leitung des Instituts in neue Hände. Mit Stefan Sellner übernimmt nun ein Baubiologe IBN, der das Institut kennt und die Baubiologie sowohl aus der Praxis als auch aus der Beratung heraus lebt und es somit mit Fachwissen und Empathie weiterführen wird.
Weltweit erleben Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Medien einen tiefgreifenden Wandel, der auch das IBN vor große Herausforderungen stellt. In dieser Zeitenwende ist es wichtig, gemeinsam an einem Strang zu ziehen, um die Baubiologie als unverzichtbaren Baustein einer ganzheitlich nachhaltigen Zukunft – also ökologisch, ökonomisch und sozial – noch stärker ins Bewusstsein zu rücken und erfolgreich zu machen.
Mir war wichtig, diesen Schritt gut vorzubereiten und das IBN in einer Phase der Stabilität weiterzugeben. Gerne werde ich den Übergang der Institutsleitung im Hintergrund begleiten, damit Kontinuität und Verlässlichkeit gewährleistet bleiben.
Mein herzlicher Dank gilt Stefan Sellner. Ihm und dem IBN wünsche ich viel Erfolg und alles Gute für die zukünftige Weiterentwicklung!
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Über die Baubiologie
Die Baubiologie beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen Menschen und ihrer gebauten Umwelt. Wie wirken sich Gebäude, Baustoffe und Architektur auf Mensch und Natur aus? Dabei werden ganzheitlich gesundheitliche, nachhaltige und gestalterische Aspekte betrachtet.
25 Leitlinien
Für einen schnellen, aufschlussreichen Überblick haben wir in 25 Leitlinien der Baubiologie die wichtigsten Parameter herausgearbeitet, sortiert und zusammengefasst. In 15 Sprachen, als PDF oder als Plakat erhältlich.

Ich wünsche Herrn Sellner, dem IBN und der Baubiologie alles Gute für eine zukunftsfähige Ausrichtung auf den Grundlagen meines sehr verehrten Prof. Dr. Anton Schneider.
Lieber Winfried, lieber Stefan Sellner,
eine gelungene Überraschung ist das auf alle Fälle, ein bisschen traurig bin ich schon dass du aufhörst lieber Winfried, freue mich aber genauso dass es mit frischem Wind weitergeht und so klingt das für mich.
Ganz herzliche Grüße aus Wasserburg
Martin Gütter
Lieber Winfried, lieber Stefan,
von Herzen Gratulation zu diesem wichtigen und großen Schritt – Chapeau!
Möge das IBN mit einem bunten Staffelstab frohgemut weiter gedeihen und mit neuen wertvollen Impulsen für eine zukunftsfähige Baukultur beitragen!
Herzliche Grüße von Ilka
Eine faustdicke Überraschung zum Jahresanfang.
Schön dass es beim IBN weitergeht.
Viel Erfolg und Gutes Gelingen!
Bernd Kinze
Grüß Dich Winfried, grüß Dich Stefan,
das ist ja eine Überraschung. Ich freue mich für Euch und wünsche Euch alles Gute – nicht nur für 2026.
Gruß von Charlie
Ingenieurbüro Baubiologie Müller
Baubiologische Beratungsstelle IBN
Hirtenau 8
D-87746 Erkheim / Allgäu