PFAS – Herausforderung für gesundes Bauen und Wohnen

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Obwohl PFAS (per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) seit über 80 Jahren produziert und eingesetzt werden, weiß die Öffentlichkeit noch wenig über deren gesundheitliche und ökologische Risiken.

Bisher kommuniziert wurden vor allem Belastungen mit PFAS von Grund- und Trinkwasser. Inzwischen ist bekannt, dass nahezu alle Produktgruppen PFAS enthalten können und dieses Gift weltweit in Böden, Luft, Lebensmittel und auch im Blut von Menschen wie Tieren gefunden wurde.

Was sind PFAS?

“Unter dem Begriff per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) wird eine Untergruppe der organischen Fluorverbindungen verstanden, bei denen alle oder weitgehend alle Wasserstoffatome am Kohlenstoffgerüst durch Fluoratome ersetzt sind. Eine ältere Bezeichnung für diese Substanzklasse lautet perfluorierte Kohlenwasserstoffe (PFC). Da es sich bei der polaren Kohlenstoff-Fluor-Bindung um eine der stabilsten Bindungen in der organischen Chemie handelt, weisen die PFAS eine höhere thermische und chemische Stabilität auf als analoge Kohlenwasserstoffverbindungen.”

Quelle: Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit

Die Stabilität bzw. Langlebigkeit der „Ewigkeits-Chemikalien“ PFAS begründet den Einsatz dieser Stoffe in der Industrie.

Inzwischen bemüht sich die EU, ein generelles Verbot dieser Stoffe durchzusetzen, dagegen bildet sich allerdings ein massiver Widerstand der Industrie. Ohnehin würde eine Umsetzung eines Verbotes viele Jahre benötigen, zumal viele Hersteller damit drohen, ohne PFAS ganze Wirtschaftszweige stillzulegen.

Tatsächlich ergab in diesem Zusammenhang eine vom ORF im Juli 2023 veröffentlichte Studie: “Für die Behandlungen von Krankheiten wie Krebs und Fettleibigkeit würden demnach um elf bis 31 Mrd. Euro pro Jahr weniger anfallen. Die Anpassungskosten der Unternehmen lägen zwischen 0,9 und 2,7 Mrd. Euro pro Jahr.”

Anfang September 2023 berichtet die Süddeutsche Zeitung im Beitrag „Versicherern sind Ewigkeitschemikalien zu riskant“ u.a., dass Versicherungen keine Haftungsansprüche mehr versichern würden und inzwischen in den USA verschiedene Hersteller bereits Milliarden- Schadenersatzzahlungen geleistet hätten, um einen Rechtsstreit um PFAS beizulegen, allein der Technologiekonzern „3M“ über 10,3 Milliarden Dollar.

Gesundheitliche Risken

Europäische Umweltagentur (März 2023): “Mit mehr als 4.700 chemischen Stoffen sind per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (PFAS) eine Gruppe von künstlich hergestellten und in großem Maßstab eingesetzten Chemikalien, die sich im Laufe der Zeit im menschlichen Gewebe und in der Umwelt anreichern. Sie sind unter der Bezeichnung „langlebige“ bzw. „persistente“ Chemikalien bekannt, da sie in unserer Umwelt und in unserem Körper äußerst lange nachweisbar sind. Sie können zu Gesundheitsproblemen wie Leberschäden, Schilddrüsenerkrankungen, Fettleibigkeit, Fruchtbarkeitsstörungen und Krebs führen.”

Norddeutscher Rundfunk zitiert Umweltbundesamt (06.06.2023): “Laut der Toxikologin Dr. Marike Kolossa-Gehring vom Umweltbundesamt können hohe Konzentrationen von PFAS im Blut eine Reihe gesundheitsschädlicher Auswirkungen haben, darunter den Organen schaden (z.B. Schilddrüse und Leber), Krebs verursachen (z.B. Hodenkrebs), die Wirkung von Impfungen sowie die Fruchtbarkeit mindern und Übergewicht, Bluthochdruck sowie Zucker- und Fettstoffwechselstörungen begünstigen.”

Chemosphere (12.06.2023): „PFAS verringern Aktivität von Immunzellen – Studie weist mit neuem Verfahren immunverändernde Wirkungen nach.“ 

National Library of Medicine, Pub Med (03.08.2022): Neurotoxische Wirkung Folgen – Alzheimer, Parkinson, ADHS… “Per- und Polyfluoralkylsubstanzen (PFAS) sind eine Gruppe persistenter Umweltschadstoffe, die ubiquitär in der Umwelt und praktisch in allen lebenden Organismen, einschließlich des Menschen, vorkommen. PFAS passieren die Blut-Hirn-Schranke und reichern sich im Gehirn an. Daher stellen PFAS ein wahrscheinliches Risiko für Neurotoxizität dar.

Informationen zu weiteren gesundheitlichen Risiken finden Sie auf der Homepage der Europäischen Gesellschaft für Gesundes Bauen und Innenraumhygiene EGGBI.

Wo können PFAS enthalten sein?

Bei meinen Recherchen wuchs die Liste möglicher PFAS-haltiger Produkte ständig an.

Allgemeine Produktgruppen

  • Trinkwasser
  • Antihaftbeschichtungen, z.B. auf Pfannen
  • Lebensmittelverpackungen, z.B. Pizzakartons
  • Lebensmittel
  • Trinkhalme aus Pappe
  • Medizintechnik (laut Hersteller “alternativlos”?)
  • Papier- und Kartonagen, Toilettenpapier
  • Heimtextilien
  • Sportbekleidung
  • Schuhe
  • Kosmetik, z.B. auch Wimperntusche
  • Reinigungsmittel
  • Antibeschlagmittel für Brillen
  • Feuerlöschschäume
  • Wachse und Schmiermittel (z.B. Skiwachse)
  • Pestizide
  • Imprägniersprays
  • Tonerstäube und Druckertinten
  • und viele mehr

Produkte im Bereich Bauen und Wohnen

  • Tapeten
  • Farben, Lacke, Beschichtungen
  • Dichtmassen
  • Polstermöbel
  • ABS-Laminate
  • Teppiche u.a. Bodenbeläge
  • Bettwäsche
  • Kühlmittel in Wärmepumpen
  • Polystyrol, Polyurethan 
  • Elektrogeräte
  • als Additiv in zahlreichen weiteren Kunststoffprodukten

Haftungsrisiko für Architekten, Bauausführende, Berater?

Was passiert, wenn es im Zuge von Neubau- oder Sanierungsmaßnahmen zu gesundheitsrelevanten Innenraumluft-Belastungen durch PFAS kommt?

Verbraucher könnten sich auf die Anforderungen der Muster-Verwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen MVV-TB bzw. die Musterbauordnung (MBO) beziehen.

In der MBO heißt es: Gemäß § 3 und § 13 MBO sind bauliche Anlagen so anzuordnen, zu errichten, zu ändern und instand zu halten, dass die öffentliche Sicherheit und Ordnung, insbesondere Leben, Gesundheit und die natürlichen Lebensgrundlagen, nicht gefährdet werden und durch andere chemische Einflüsse keine Gefahren oder unzumutbare Belästigungen entstehen.

Planende, Bauausführende, Berater können sich angesichts der inzwischen vielfältigen Medienberichte zu PFAS kaum mehr auf “Unwissenheit” berufen – die Risiken von PFAS sind inzwischen allgemein kommuniziert.

Hersteller verweigern entsprechende Deklarationen, Gütezeichen für Bauprodukte und Gebäude ignorieren derzeit ebenfalls noch die Schadstoffgruppe PFAS – bestenfalls werden “Herstellererklärungen” eingefordert, aus welchen hervorgeht, dass solche Stoffe nicht eingesetzt werden. Vor allem bei Recyclingprodukten ist aber eine solche Erklärung kaum mehr nachvollziehbar, für den Verbraucher auch ohnedies nicht überprüfbar.

Herausforderung bei Beratungen

Vor allem bei der Beratung besonders sensitiver Zielgruppen (Allergiker, Chemikaliensensitive, aber auch Familien mit Kleinkindern, Schwangeren, Menschen mit geschwächtem Immunsystem) stellt eine Produktberatung inzwischen eine enorme Herausforderung dar, sind doch von Herstellern häufig keine glaubwürdigen Nachweise (“unabhängige Schadstoffprüfberichte”) erhältlich. Verbraucher, die auf Nummer sicher gehen wollen, müssten daher auf eigen Kosten entsprechende “Risikoprodukte” untersuchen lassen.

Auf Anfrage erhielt ich die Antwort der AGÖF (Arbeitsgemeinschaft ökologischer Forschungsinstitute e.V.), einige Mitgliedsinstitute bemühten sich inzwischen um praktikable Untersuchungsmethoden für Bauprodukte. Noch gäbe es keine Prüf-Normen für PFAS Material- und Raumluftuntersuchungen, derzeit sei es noch schwer, überhaupt Institute zu finden, die entsprechende PFAS-Stoffanalysen durchführen; die meisten beschränken sich auf PFAS-Wasseruntersuchungen.

Hierzu sehe ich vor allem Interessenvertretungen (Architektenkammern, Bauindustrie, Baustoffhandel…) in der Pflicht, Druck auszuüben

  • auf die Hersteller und Verarbeiter bezüglich Nachweise, Kennzeichnung, optimalen Verzicht sowie
  • auf die Politik bezüglich Verbot und bis dahin zumindest (kontrollierte) Kennzeichnungspflicht.

Richtwerte – Grenzwerte?

Dazu teilte mir das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit  im Mai 2023 folgendes mit:

“Beurteilungswerte für PFAS sind derzeit nur für Oberflächengewässer, Grundwasser, Böden, Klärschlamm und Trinkwasser verfügbar.

Für den Verbraucher sind Emissionen von PFAS aus Erzeugnissen (z. B. aus Imprägnier-Sprays, Ausdünstungen aus Schmutz abweisend behandelten Teppichen oder Heimtextilien) in die Innenraumluft im Allgemeinen nicht erkennbar. Der Ausschuss für Innenraumrichtwerte (AIR) hat sich aufgrund fehlender Daten zur allgemeinen Hintergrundbelastung von PFAS in der Raumluft mit dieser Thematik noch nicht befassen können. Dementsprechend existieren zur Beurteilung von PFAS-Gehalten in der Innenraumluft bislang keine Richt-, Leit- oder Orientierungswerte (siehe auch Ausführungen zuvor).”

Es bleibt für Verbraucher zu hoffen, dass sich der AIR angesichts erhöhter PFAS-Werte bereits im Blut von Kleinkindern in absehbarer Zeit mit dieser Frage befassen wird. Ohnedies sollten solche Stoffe weder in Produkten noch in der Innenraumluft zu finden sein – Richt- oder Grenzwerte wären sicherlich – wie bereits bei vielen anderen gesundheitsschädlichen Chemikalien – lediglich ein Kompromiss.

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1 Kommentar

  1. ein aufrüttelnder Artikel.
    Jetzt weiß ich wieder, warum ich keine beschichtete Pfanne verwende.
    Vielen Dank.

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Autor

Josef

Spritzendorfer

Fachjournalist, Gastdozent, Baustoffexperte und Betreiber des Informationsportals „Europäische Gesellschaft für gesundes Bauen und Innenraumhygiene“ (EGGBI)

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