Das Beste aus zwei Welten – Warm mit Stroh – Teil 2

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Mit dem 19 Wohneinheiten großen Speicherbogen baute Dirk Scharmer das erste strohgedämmte Mehrfamilienhaus in Lüneburg. Neben einer herausragenden Umweltbilanz ist der Holzständerbau schön gestaltet, bietet Gemeinschaftsflächen und ist erschwinglich.

In unserem ersten Artikel über den Speicherbogen berichtet die Journalistin Ruth Heume über die sozialen Aspekte des gemeinschaftlichen Wohnprojekts mit den Zielen „umweltfreundlich, wohngesund, generationsübergreifend“. Mit 20 Nutzungseinheiten und einer Wohnfläche von 2.225 m2 waren die Gebäude bei ihrer Erstellung die bundesweit größte Wohnanlage in strohgedämmter Holzbauweise. Durch rationelle Konstruktion und ein Erbpacht-Grundstück kostete die Gesamtherstellung nur 3.150,- € brutto je Quadratmeter Wohnfläche. Eine KfW-Förderung als Darlehen half bei der Finanzierung. Durch die Ausführung als Energieeffizienzhaus 40 und eine gut bedachte Haustechnik sind auch die laufenden Betriebskosten günstig.

Die Architektur ist abwechslungsreich mit komplexen Formen und unterschiedlichen Grundrissen. Die Fronten der beiden zur Straße orientierten 2-geschossigen Kopfbauten mit Staffelgeschoss sind gerundet und öffnen sich dadurch einladend zum gemeinschaftlichen Innenhof. Dort ist auch der Zugang zu den 19 individuellen Wohnungen und einem Gemeinschaftsraum. „Den Gemeinschaftsraum haben sie sich geleistet“, so der verantwortliche Architekt Dirk Scharmer von Deltagrün. Er ist zudem Baubiologe, Passivhausplaner und Koordinator für Nachhaltiges Bauen (BNB). Den Speicherbogen hat er gemeinsam mit Maike Möhring und Stephan Seeger von arch.tekton geplant. Das Lübecker Büro „planW“ entwickelte mit der Baugemeinschaft Wohnungen mit individuellen Grundrissen von 70 bis 180 m2 und je einen privaten Freibereich als Balkone oder Terrasse. Insgesamt gibt es 2.968 m2 Nettoraumfläche und 304 m2 Keller.

Kreislauffähig und gesund

Der moderne Stroh-Holzbau mit den natürlichen Baustoffen Lehm, Kalk und Zellulose kommt weitestgehend ohne klimaschädliche Materialien aus. Ein Großteil der Baustoffe und -teile ist kreislauffähig. Sie sind einfach und sortenrein zerlegbar und wiederverwendbar bzw. kompostierbar. Dirk Scharmer zählt weitere Nachhaltigkeitsaspekte auf: „Die strohgedämmte Holzbauweise ist besonders nachhaltig, weil das Stroh aus einfacher landwirtschaftlicher Herstellung stammend beim Getreideanbau nebenbei angefallen ist. Für die Herstellung werden dadurch besonders wenig klimaschädliche Emissionen frei und der Bedarf an fossiler Energie ist minimal.“ Die Baumaterialien sind nicht oder möglichst wenig behandelt – neben dem Stroh auch die Holzkonstruktion und die Böden aus Eiche oder Lärche. Im Innenbereich sorgen sie mit diffusionsoffenem Lehmputz und Kalkfarbe für ein gesundes Wohnklima.

1 Der Speicherbogen in Lüneburg aus kreislauffähigem Holz, Stroh, Kalk, Lehm und Zellulose bietet 19 Wohneinheiten
2 Alle Außenwände sind mit Strohballen gedämmt
3 Für den Holzbau kam überwiegend leimfreies Holz zum Einsatz

Holz ohne Leim

Scharmer spart durch die Verwendung von sägerauem Schnittholz als Alternative zu dem sonst häufig verwendeten gehobelten und verleimten Holz Emissionen und Energie. Vehement betont er die Vorteile gegenüber dem üblichen Holzbau: „Wir wollen unbedingt, dass das Stroh direkt verputzt wird und wir keine verklebten Holzplatten brauchen. Dadurch müssen auch keine hochexakten verleimten Konstruktionshölzer eingesetzt werden.“ Auch das Dach ist weitestgehend aus leimfreien Vollhölzern und leimarmen Dreischichtplatten konstruiert. Nur wo es statisch nicht anders ging, kamen Brettschichtholzträger zum Einsatz.

Die Holzbalkendecken mit weich aufgelegtem Dielenboden erreichen den Mindestschallschutz nach DIN 4109. Die weich aufgelegten Dielenböden dämpfen tieffrequente Schalleffekte nur mäßig. „Weich aufgelegter Dielenboden war uns wegen der Rückbaubarkeit und der Leimfreiheit ein Anliegen, im Nachhinein hat sich dies aber aus Schallschutzsicht nicht bewährt“, gibt Scharmer zu und verweist auf eine ebenfalls vor Ort umgesetzte, etwas weniger nachhaltige Variante: „Verklebtes Parkett ist schalltechnisch besser, auch wenn die Rückbaubarkeit schwieriger ist.“ Geklebt wurde mit einem ökologischen Kleber. „Es ist der emissionsärmste Kleber, den wir lange gesucht haben“, betont er.

Der Brandschutz der Leitungsdurchdringungen der Decken wurde auf Basis eines Gutachtens ohne Mörtelverguss realisiert. Die Fenster haben Holzrahmen, die Fassade ist mit Lärchenholz verschalt, das mit einer Vorvergrauungslasur gestrichen wurde.

4 Das sägeraue Vollholz bildet den perfekten Rahmen für das flexible Stroh
5 Die zertifizierten Baustrohballen kamen von einem Landwirt aus der Nähe
6 Die mit Stroh ausgefachte Konstruktion vor dem Belegen mit Streifen aus Holzfasermatten
7 Herausstehende Halme werden mit der Heckenschere ebenflächig beschnitten
8 Eine Sauberkeitsschicht aus biozidfreiem Luftkalk mit wenig Zementanteil wurde handwerklich in das Stroh der Außenseite eingearbeitet
9 Nach der Sauberkeitsschicht mit Lehm sind Tragwerk und Aussteifung noch sichtbar

Einbau Stroh

Die von einem 50 km entfernten landwirtschaftlichen Betrieb hergestellten Baustrohballen genügen der europäischen technischen Bewertung ETA. Sie wurden von den Strohbauern aus dem Ökodorf „Sieben Linden“ mit ca. 10 % Komprimierung straff in die Holzkonstruktion eingebaut und mit Klemmleisten an allen vier senkrechten Gefachkanten gesichert. Die Strohbauer*innen bereiteten die Strohoberflächen gleichmäßig und ebenflächig vor und tackerten auf alle Hölzer eine 8 mm dicke Holzweichfaserplatte. An diese arbeiteten sie eine Sauberkeitsschicht aus dem Putz Pajalith von Gräfix an. Sie arbeiteten ihn gut in das Stroh ein und rauten ihn nach dem Antrocknen auf. Der Putz ist direkt für das Verputzen von Strohoberflächen konzipiert. Er enthält neben Kalk als Bindemittel vergleichsweise wenig Weißzement, mineralische Leichtzuschläge sowie verstärkende Fasern und wird in Säcken geliefert. Der Brandschutz der Strohwände ist nur mit diesem Produkt nachgewiesen. Für die Feuerwiderstandsklasse F30 genügen 1 cm, 3 cm erreichen F90.

Verarbeitung Kalkputz

Auf die Sauberkeitsschicht außen putzte Nusreddin Etdöger mit seiner Bremer Firma NE Putzunternehmen den gleichen Putz auf Kalkbasis. „Der Putz muss ein bisschen Bewegung aufnehmen können“, erklärt Scharmer. „Wir haben es insgesamt mit einer eher weichen Konstruktion zu tun“. Nach dem gründlichen Vornässen sprühten die Handwerker den Putz in 1,5 cm Stärke auf und zogen ihn plan ab. Darauf arbeiteten sie ein Glasfasergewebe flächig ein und bewehrten alle Ecken doppelt. Am nächsten Tag nebelten sie die Flächen noch einmal ein und wartete die Standzeit von 25 Tagen ab. Nach einem erneuten Einnebeln putzten sie die zweite Schicht mit ca. 0,8 cm auf und filzten sie nach dem Anziehen. Nach dem gänzlichen Austrocknen strich sie der Maler mit einer giftfreien Dispersionssilikatfarbe von Gräfix.

10 Die fertige Fassade mit dem hoch diffusionsfähigen Kalk-Leichtputz
11 Zwischen den beiden Gebäudetypen ist die Erschließung eingeschoben. Ihre Innenwände sind mit Zellulose ausgeflockt
12 Der Lehmputz der Wände lässt sich weiß streichen oder farbig gestalten
13 Die abgerundeten Fensterlaibungen der dicken Wand erzeugen ein Gefühl von Stabilität

Luftdichter Lehmputz

Von innen erhielten die Wände einen 3 – 4 cm starken Lehmputz in zwei Lagen zzgl. Sauberkeitsschicht. „Das Stroh ermöglicht ohne Extraaufwand den Einsatz des besonders gesunden und umweltfreundlichen Lehmmörtels als Putzbekleidung“, erläutert Scharmer. Der Brandschutz von Lehm ist ähnlich wie der von Kalk. Eine Prüfung für die Sauberkeitsschicht mit einem Lehmputz der Fa. Claytec liegt vor. Mit einer Abweichungserklärung wurde für alle drei Schichten Lehmputz der Fa. Conluto verwendet. Ein-Blower-Door Test belegt die Luftdichtigkeit des Lehmputzes, der auch für ein gutes Raumklima sorgt, über das sich die Bewohner*innen und ihre zahlreichen Gäste freuen.

14 Im Gemeinschaftsraum ermöglicht ein Fenster im Lehmputz einen Einblick in die enkeltaugliche Dämmung
15 Dank dicker Dämmung und Passivhausdetails ist der Energieverbrauch des Speicherbogens gering

Baudaten

WohnProjekt Am Speicherbogen, Elisabeth-Maske-Straße 2–10, 21337 Lüneburg

BauherrschaftAm Speicherbogen GbR
Planungarch.tekton (Maike Möhring, Stephan Seeger), deltagrün (Dirk Scharmer)
Fertigstellung2019
AußenwändeDispersionssilikatfarbe (Rabolin 614 von Gräfix), Kalkputz mit Armierungslage 3 – 4 cm (Pajalith von Gräfix) oder Stülpschalung Douglasie vorvergraut gestrichen, Bohlenständer 6 – 8 x 34 cm, Strohballendämmung 34 cm, Lehmputz 3 – 4 cm, Lehmfarbe, U-Wert = 0,15 W/m2K
Dach32 cm, Dampfbremse, Unterkonstruktion, Gipsfaserplatte. U-Wert = 0,11 W/m2K
BödenVollholzdielen aufgelegt, geölt bzw. Eichenparkett emissionsarm verklebt, geölt
ZwischendeckeHolzbalkendecken, ausgeblasen mit boratfreier Zellulose (Thermofloc)
FensterHolzfenster mit Dreischeibenverglasung Ug-Wert = 0,5 W/m2K
EnergiestandardKfW 40 mit Passivhauskomponenten
HeizungBioerdgas-Blockheizkraftwerk im Stadtteil, wohnungsweise Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung, flinke Heizkörper bzw. Fußbodenheizung. Optimierte Wärmebrücken, Blower-Door-Test
SonstigesHalogenfreie Elektroinstallation, emissionsarme Kleber, emissionsfreie Innenfarben

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Quellenangaben und/oder Fußnoten:

Titelbild: Kean/Stefan Koch
Abbildungen: 01-09, 13, 15: Dirk Scharme / 10: Stephan Seeger / 11: Maike Möhring / 12: Ulrich Adolphi / 14: Kean/Stefan Koch

Autor

Achim

Pilz

freier Journalist, Kurator, Juror und Berater, Baubiologe IBN und Chefredakteur des Baubiologie Magazin.

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