Mit natürlichen Baustoffen zum Effizienzhaus 85

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Mit möglichst kleinem ökologischem Fußabdruck sollte das geerbte Haus saniert werden. Erhaltenswertes sollte erhalten, keine weitere Fläche versiegelt werden. Entstanden ist ein neues Wohnhaus in alter Struktur, mit natürlichen Materialien in der Effizienzklasse 85.

Sichtlich in die Jahre gekommen, an- und umgebaut präsentierte sich der ehemalige zu einem Doppelhaus umfunktionierte Bauernhof von 1924 als ein Zeitzeugnis der 60er und 70er Jahre. Holzvertäfelungen in Innenräumen, PVC-Böden und Kunststofffenster prägten dessen Erscheinung. Einst ein eingeschossiger Bauernhof mit integriertem Stall und Heulager, ist es heute eine zweigeschossiges Doppelhaushälfte mit Ausbaureserven im Dach.

Herausforderungen

Nach Aufteilung des ursprünglichen Gebäudes in ein Doppelhaus befand sich im Erdgeschoss ein Aufenthaltsraum des Nachbarn unter dem späteren Bad der Familie im Obergeschoss. Für die Sanierung bedeutete dies zum einen, dass besonders auf einen guten Schallschutz zu achten ist und zum anderen, dass die Leitungsführung für das Bad nicht durch die Wohnung im Erdgeschoss geführt werden kann. Mithilfe einer Kanalinspektion wurden die Kanalleitungen auf deren Lage und Schäden überprüft. Auf Basis der so gewonnenen Erkenntnisse wurde die Entwässerung der beiden Doppelhaushälften konsequent getrennt.

10 cm starke Holzweichfaserplatten zwischen entkoppelten Holzständerwänden brachten den gewünschten Luftschallschutz. Heute hört man die Musikanlage des Nachbarn nur noch bei geöffneten Fenstern.

KfW-Effizienzhaus 85

Im Vergleich zum Referenzgebäude des Gebäudeenergiegesetzes GEG benötigt ein KfW-Effizienzhaus 85 nur 85 % dessen Primärenergie. Mehr Infos

Thermische Hülle

Da Teile des Hauses von 1924 nicht unterkellert waren und nur eine dünne Bodenplatte auf Lehmboden lag, wurde diese durch eine neue Bodenplatte auf einer Wärmedämmung gegen das Erdreich ersetzt. Die beiden Keller des Hauses – ein Gewölbekeller von 1924 und ein Betonkeller aus den 70ern – wurden beide an der Decke gedämmt und so konnte der Energiestandard „KfW-Effizienzhaus 85“ erreicht werden. Die Dämmung an den Außenwänden wurde mit Stegplatten und Zellulose-Einblasdämmung ausgeführt. Auch das neue Dach wurde mit Zellulose-Einblasdämmung ausgeblasen. Neue Holz-Alu-Fenster mit Dreischeibenverglasung und eine Pelletheizung mit solarer Unterstützung runden das Gesamtkonzept für die energetische Sanierung ab. 

1 Westansicht der Doppelhaushälfte vor der Sanierung
2 … und nach der Sanierung
3 Blick aus der Küche zur Garderobe
4 Küche mit alter Hobelbank
5 neue Schiebetüren vor alten Zargen
6 Bodenklappe als Zugang zum alten Gewölbekeller
7 alte Kommode als Waschtisch
8 Waschmaschinenbereich im Bad – Durchgang aus alten Sparren
9-11 Sichtbalkendecke im Bad im Obergeschoss mit neuer Schalung

Bestand erhalten

Durchaus radikal, aber dennoch so sensibel wie möglich wurde das Haus entkernt. Erhaltenswerte Elemente, die während des Rückbaus gefunden wurden, wie Türzargen und Giebelfenster, wurden während des Bauprozesses neu in die Planung aufgenommen und in Szene gesetzt. So wurden neue, nach altem Vorbild gefertigte Schiebetüren vor die alten Zargen gehängt sowie Beschläge und Griffstangen extra vom Kunstschmied gefertigt. Baumaterialien aus der ersten Bauzeit, wie Ziegel oder der ehemalige Dachstuhl, wurden überarbeitet und wieder eingesetzt, die original erhaltenen Balkendecken in Eigenleistung gebürstet und als Sichtbalkendecke erhalten. Selbst in der Ausstattung des Hauses wurde darauf geachtet, möglichst viel wiederzuverwenden. Omas Kleiderkommode findet sich im Gästebad als Waschtisch, eine alte Hobelbank ist Teil der neuen Küche und eine Leiter aus dem Dachboden führt als Garderobe im Eingangsbereich ein zweites Leben. Besonderen Charme birgt ein funktionales Detail aus alten Zeiten: Da die Treppe im Flur störte, wurde sie verlegt und den Zugang zum Gewölbekeller ermöglicht nun eine Bodenklappe.

Einfach installieren

Da die Leitungsführung in dem verschachtelten Gebäude eine Herausforderung war, wurden in Teamarbeit mit den ausführenden Gewerken Leitungstrassen erschaffen. Die vertikale Verteilung verläuft nun neben dem Bestandskamin und ist nur durch eine Holzplatte verschlossen. So sind sowohl die Steigleitungen, als auch die Heizungsstränge erreichbar. Alle Installationen sind zugänglich – im Erdgeschoss über die Abstellkammer und im Obergeschoss über den Waschmaschinenschrank. Die horizontale Verteilung verläuft für das Obergeschoss in einem Deckenfeld zwischen den alten Balken und für das Erdgeschoss in der neuen Bodenplatte. 

12 schwellenfreie Übergänge
13 Raumtrennung aus alten Sparren, Garderobenbereich Erdgeschoss
14 Detail an der WC-Tür
15 neue Haustür nach dem Vorbild der alten Pläne
16 entdecktes Giebelfenster
17 Detail an alten Zargen mit neuem Durchgang
18 Sockelleisten – durch Bauherren verkehrt herum montiert

Angenehmes Raumklima

Mit 3,5 cm starkem Lehminnenputz mit integrierter Wandheizung wurde ein behagliches Raumklima erschaffen, welches durch den Einsatz von Naturfarben und emissionsarme Baustoffe abgerundet wird. Vollholzdielen in allen Räumen erzeugen angenehme Fußwärme, selbst ohne Fußbodenheizung. Schwellenfreie Böden und größtmögliche Tageslichtausbeute lassen die Räume in neuer Harmonie erstrahlen.

Die Euphorie der Baufamilie, soviel Eigenleistung wie möglich einzubringen, nahm im Laufe der Bauzeit nicht ab, sondern zu. So wurden auch die Sockelleisten selbst angebracht. Der Schreiner lieferte die Sockelleisten aus Eichenholz und erklärte bei Übergabe „mit der schönen Seite zum Raum hin“. Damit meinte er die bereits vorgeölte Seite, doch die Baufamilie betrachtete die Rückseite der Leiste mit den Profilen für Kabelverlegung und Montageraum als die schönere und montierte die Leisten kurzerhand verkehrt herum. Der Schreiner war sichtlich irritiert, die Bauleitung auch. Aber die Leisten waren fertig montiert und die Familie war höchst begeistert von ihren besonderen Leisten. So entstand ein außergewöhnlicher Moment auf der Baustelle, in dem alle Beteiligten herzlich lachten. Noch heute gilt dies als die schrulligste Anekdote der Baustelle. Die Familie liebt die Leisten immer noch und präsentiert sie stolz jedem Besucher. Auch so wird angenehmes Raumklima erschaffen – mit Leidenschaft zum Objekt.

Generationenübergreifendes Qualitätsverständnis

Der jungen Familie war wichtig, soviel Bestand wie möglich zu erhalten, gebaute Werte der vorherigen Generation angemessen zu würdigen und sie in ihr neues, modernes Leben mitzunehmen. Gelungen ist ihnen dies durch eine sensible Betrachtung des Bestandes, viel Geduld, Einsatz der eigenen Zeit und Liebe zum Detail.

Baudaten

BaufamilieFranziska und Christoph Wurzinger, Rauenzell
Planung und BauleitungMarlene Korff
Umbau/Sanierung2021
Wohnfläche156 m²
Außenwände EGCalciumsilikatputz | Holzweichfaserplatte 6 cm | Stegplatten mit Zellulosedämmung 18 cm | Bestandsmauerwerk 37 cm | Lehmputz mit integrierter Wandheizung 3,5 cm
Außenwände OGRhombusleisten-Schalung vorvergraut, Rest, siehe EG
DachBiberschwanzeindeckung | Hinterlüftungsebene | Holzfaser-Unterdeckplatte 35 mm | Sparren mit Zellulose-Einblasdämmung 24 cm | Dampfbremse | Unterkonstruktion für Innenausbau vorbereitet
InnenwändeStandardausführung Holzständer mit Gipsfaserplatten.
Schallschutz zwischen Doppelhaushälften: Holzständer mit Abstand zur Wand zwischen Decke und Boden montiert | Holzweichfasermatten 6 cm | doppelte Beplankung mit Gipsfaserplatten
BödenErdgeschoss nicht unterkellert: Kreuzlattung 2 x 60/80 mm | dazwischen Zellulosedämmung | Vollholzdielen 20 mm auf Lattung verschraubt
Erdgeschoss unterkellert20 mm Vollholzielen auf Bestandsbetondecke verklebt
ObergeschossRieselschutzpapier auf Bestandsschalung | Ausgleichsschüttung aus mineralisch ummantelten Holzspänen | Holzweichfaserplatten 40 mm mit Lagerhölzern | Vollholzdielen 20 mm verschraubt
NassräumeRieselschutzpapier auf Bestandsschalung | Ausgleichsschüttung aus mineralisch ummantelten Holzspänen 50 mm | Fußbodenheizungssystem aus Gipsfaserplatten mit Noppen | Abdichtung | Fliesenbelag
ZwischendeckenHolzbalkendecken Bestand
FensterHolz-Alu-Fenster mit 3-Scheiben-Verglasung
Energetisches KonzeptKfW-Effizienzhaus 85
Pelletheizung mit solarer Unterstützung
Wandheizung in Lehmputz, Fußbodenheizung in den Bädern
Fensterlüftung
10 m² Solarthermie
SonstigesNaturfarben und Lasuren auf Putzen und Hölzern
Vollholzmöbel im Ausbau
Lehmputz auch im Bad

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Quellenangaben und/oder Fußnoten:

Bilder: Maria Bayer, mariabayer.net

Autorin
Marlene Korff

Marlene

Korff

Dipl. Ing., Innenarchitektin, Baubiologin IBN, 90530 Wendelstein

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