Leimfreier Holzbau im denkmalgeschützten Stadel

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Vorher: ein denkmalgeschützter, verfallender Stadel. Heute: eine lebendige Kita mit großem Garten, als Haus-im-Haus sensibel in die historischen Mauern eingefügt – ökologisch, naturgesund und ressourcenschonend realisiert. Ein Glücksgriff für die Kinder der Kita Rosenhof.

Autorin

Christine

Ryll

Redaktion und Kommunikation: Freie Journalistin, Fachredakteurin, Architektin

Wo einst Kühe standen, spielen und lernen heute die Kinder der Kita Rosenhof in Berchtesgaden – mitten im Ort und mit großem Garten vor der Tür. Im Auftrag des Marktes Berchtesgaden sanierten „Schorr Architekten“ den denkmalgeschützten, jedoch stark verfallenen Rosenhofstadel und ergänzten ihn durch ein eigenständiges Holzgebäude im Inneren des Bestands. Mit dieser Haus-im-Haus-Lösung überzeugten sie das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) und schufen zugleich eine außergewöhnliche Kita mit Raum für zwei Krippen- und zwei Kindergartengruppen, letztere mit ebenerdigem Zugang ins Freie. So wurden – bei minimalem Verbrauch von Ressourcen und grauer Energie – dringend benötigte zusätzliche Flächen für die Kinderbetreuung geschaffen und dabei ein ortsbildprägendes Baudenkmal nachhaltig gesichert und zeitgemäß weitergenutzt. Ziel des BLfD war der weitgehende Erhalt der historischen Bausubstanz, insbesondere der Außenwände sowie eines Gewölbes. Das Dach wurde in historischer Form als Schopfwalmdach mit 45-Grad Dachneigung neu errichtet, ein bestehender Anbau an der Westseite konnte erhalten werden.

1 Von außen betrachtet ein historischer Stall, dahinter ein moderner Kindergarten: die Kita Rosenhof, grüne Wiesen ringsherum und trotzdem nur wenige Meter zum Ortszentrum
2 Das Gebäude vor der Sanierung
3 Historisches Denkmal wird moderner Kindergarten. Eine in die Bedachung integrierte Photovoltaikanlage produziert Strom
4 Grundriss des Erdgeschoss. In den Altbau wurde ein neues Haus eingestellt, Eingang über den Anbau
5 Der Schnitt zeigt die Mikropfähle für die Punktfundamente, den Glasboden, durch den die alte Raumhöhe gut erlebbar ist und die wieder aufgestellte Steinsäule

Baubiologisch optimierter Neubau fängt Bestand auf

Der im Bestand integrierte, baubiologisch optimierte Neubau setzt auf eine Konstruktion in leimfreier Holz- und Lehmbauweise. Die Basis bilden neun Binderachsen aus Vollholz und Stahl, ergänzt durch Wand-, Decken- und Dachelemente. Da die Bestandswände krumm und schief sind, ist auch jede Achse ein Unikat mit individuellen Abständen, Winkeln und Lastannahmen.

Punktuell mit Stahlprofilen verstärkte Stützen nehmen horizontale Kräfte auf und stabilisieren die Konstruktion gegenüber der historischen Hülle. Diese ist über alle 2,5 m in das Mauerwerk eingeklebte Stahlanker mit dem Holzbau verbunden. Als aussteifendes Bindeglied zwischen Alt und Neu dient dessen massive sowie leimfreie Brettstapeldecke über dem Erdgeschoss, an der die etwa sechs bis sieben Meter hohe Natursteinwand mittig aufgehängt ist. Sie übernimmt einen Großteil des Mauerdrucks.

Holzbau in leimfreier Bauweise

Die Außenwände des Holzbaus fertigte Meiberger Holzbau in Holzriegelbauweise im Betrieb weitgehend vor und setzte sie vor Ort nur mehr zusammen. Gedämmt wurde mit 30 cm Holzfaserdämmung aus 90 Prozent Nadelholzfasern und 4 bis 7 Prozent Polyolefinfasern, hergestellt im Trockenverfahren. Auf der Rauminnenseite ist die Konstruktion horizontal mit leimfreier Massivholzschalung aus Nut- und Feder-Brettern beplankt, außen mit nicht brennbarer Gipsfaserbeplankung, die zugleich aussteifend wirkt. Besonders beanspruchte Wandbereiche sind fachwerkartig ausgebildet und mit Stahlbauteilen verstärkt. Auch in einigen Innenwänden kamen aussteifende Elemente zur Anwendung, teils aus Holz, teils aus Stahl. Lehmbauplatten und ein dünner, sichtbarer Lehmputz sorgen für ein gesundes Raumklima.

Die mit Buchenholzdübeln verbundenen, leimfreien Brettstapeldecken wurden ebenfalls vorgefertigt und vor Ort miteinander gekoppelt. Ungebrannte Lehmsteine dienen als Deckenbeschwerung und verbessern Schall- und Feuchteschutz.

Die Dachelemente sind als vorgefertigte Riegelkonstruktion mit Holzfaserdämmung ausgeführt und an der Untersicht mit einer diagonal verlegten Holzschalung aus massiven Fichtenbrettern beplankt – ebenfalls leimfrei. Diese ist gemäß statischen Vorgaben mit speziellen Klammern befestigt und übernimmt zusammen mit Stahlverbänden in der Binderebene die erforderliche Aussteifung.

6 Hinter den dicken historischen Mauern liegt ein leimfreier Holzbau
7 Auch der komplette Innenausbau setzt auf Holz. Die Giebelseiten sind weitgehend verglast, um möglichst viel Licht in die Innenräume zu lassen
8 Der eingestellte Holzbau erstreckt sich über zwei Ebenen
9 Aufgrund der gewünschten Leimfreiheit der Konstruktion wurde als Dachuntersicht eine Diagonalschalung eingesetzt
10 Die historischen Fenster durften bleiben. Eine davorgestellte, energieeffiziente Verglasung genügt heutigen Ansprüchen
11 Detail der Fensterschichten

Geometrische, konstruktive und statische Herausforderungen

Der Bestand erwies sich als geometrisch und statisch äußerst komplex. Beispielsweise ließen die kleinen, unregelmäßig verteilten Stallfenster nur begrenzte Wandflächen zur Aussteifung zu. Dies stellte hohe Anforderungen an die durch „m4 Ingenieure“ erfolgte Tragwerksplanung und den Holzbau, welches die gewünschte Bauweise – möglichst leimfreie Wände und Decken – noch erschwerte.

Das Gebäude wurde daher vorab digital vermessen und das Ergebnis direkt in die Holzbauplanungssoftware übernommen. Um die statischen Anforderungen von Alt- und Neubau zu erfüllen, verbauten die Handwerker darüber hinaus insgesamt über 420 Einzelteile aus Stahl im Neubau und Bestand. Notwendig waren zur Aussteifung zudem sichtbar geführte Stahlverbände beispielsweise im Obergeschoss, wo großformatige Verglasungen die ehemalige Tenne zeigen. Im Erdgeschoss, wo Oberlichter Sichtbeziehungen zwischen den Räumen schaffen und den Blick auf einen wieder eingebauten Längsträger auf historischen Natursteinsäulen freigeben, wurden ebenfalls punktuelle Stahlverstärkungen eingebaut.

12 Die Treppenstufen zeigen handwerkliche Holzbaukunst
13 Detail der Treppe: Wo möglich, kamen zimmermannsmäßige Verbindungen zum Einsatz und wurde auf Leim verzichtet
14 Zur Aussteifung werden Holz mit Stahl kombiniert
15 Auch das historische Gewölbe steht unter Denkmalschutz und wurde erhalten
16 An den Kletterwände können sich die Kinder bei schlechtem Wetter drinnen austoben
17 Der Kindergarten bietet viel Platz für mehrere Gruppen

Komplexer Bauablauf

Voraussetzung für die Bauarbeiten war ein stabilisierendes Gerüst mit tonnenschwerem Ballast, später ergänzt um ein Wetterdach, um die historischen Mauern zu sichern. Es folgten die Unterfangung und Gründung des Holzbaus auf 180 Bohrpfählen mit jeweils 9 bis 10 m Länge, erforderlich aufgrund der erst in rund 6 m Tiefe tragfähigen Bodenschichten. Auf diesem Unterbau lagert eine 35 cm starke Stahlbetonbodenplatte mit umlaufender Aufkantung. Die Dämmung ist oberhalb der Platte geführt und ermöglicht einen rund 40 cm hohen Fußbodenaufbau, in dem unter anderem Lüftungsleitungen verlaufen; weitere Haustechnik ist teilweise sichtbar an Wänden und Decken verzogen, teils verdeckt in Innenwänden.

Die Montage der vorgefertigten Holzkonstruktion im Bestand dauerte rund sechs Wochen und erfolgte abschnittsweise in Modulen von jeweils zwei Binderachsen. Statt Neubau setzte der Markt Berchtesgaden auf Umnutzung. Ein Glücksgriff, nicht nur für das Denkmal Rosenhofstadel.

Quellenangaben

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Titelbild: alpindis, Daniel Breuer
Bild 1,3,6-17: alpindis, Daniel Breuer
Bild 2,4,5: Schorr Architekten

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