Neubau in tragender Lehmbauweise 

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Der Lehmbau blickt auf eine jahrtausendealte vielfältige Tradition zurück. Als Baumaterial vereint Lehm einzigartige bauphysikalische Eigenschaften. Mit der Verfügbarkeit günstiger Energie verlor er nach und nach an Bedeutung und wurde weitgehend durch gebrannte Ziegel ersetzt. Nun eröffnet die 2023 veröffentlichte DIN 18940 „Tragendes Lehmsteinmauerwerk“ neue Anwendungsmöglichkeiten.

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Das Institut für Baubiologie + Nachhaltigkeit IBN ist Herausgeber des Baubiologie Magazins.

Ungebrannte Lehmziegel finden in der Baubiologie schon seit langer Zeit Anwendung, hauptsächlich als nicht tragende Innenwände, Ausfachungen oder als luftschalldämmende und wärmespeichernde Masse in Holzdecken. Noch wenig bekannt ist dagegen tragender Lehmbau aus ungebrannten Lehmziegeln.

Der Energieverbrauch zur Herstellung ungebrannter Lehmziegel ist vergleichsweise gering. Meist werden Sie an der Luft oder mit sowieso verfügbarer warmer Abluft getrocknet. In Sachen Tragfähigkeit und Schallschutz stehen sie gebrannten Ziegeln in nichts nach, einziger Schwachpunkt ist ihre Beständigkeit bei starker Feuchtigkeit, direkter Bewitterung oder Frost.

Nach DIN 18940 ist tragendes Lehmsteinmauerwerk im Neubau bis einschließlich Gebäudeklasse 4 zugelassen (vgl. „Tragendes Lehmsteinmauerwerk nach DIN 18940“). Die Herausforderung dabei ist, die Vorgaben aller heute gängigen Baustandards und Normen zu erfüllen. Der Bauherr hat sich gemeinsam mit dem ausführenden Bauunternehmen für Wandstärken von 61,5 cm bzw. 49 cm als Mauerwerk im Verband und 24 cm als einschaliges Mauerwerk entschieden. Konische Mauerwerksöffnungen, die sich zum Raum hin verbreiten, sorgen bei Fenstern und Türen für verspielten und großzügigen Lichteinfall. Nach eineinhalb Jahren Bauzeit wurde der Neubau fertiggestellt.

1 Ein Kran hebt das Dach für die Einhausung auf das Gerüst
2 Die Einhausung schützt Bau und Handwerker vor Regen, Wind und Frost
3 Die Wände aus tragenden Lehmsteinen wachsen in die Höhe
4 Die Stürze für Fenster und Türen sind aus Holz
5 Als Blickfang dienen einige Stampflehmwände
6 Fensterlaibung mit Anschlag für einen guten Schlagregenschutz

Neubau für Geschäftsräume und drei Ferienwohnungen

Die Bioland Gärtnerei Steinhilber realisiert nun ein solches Projekt. In der Nähe von Moosbach in der Oberpfalz entstehen Geschäftsräume und drei Ferienwohnungen – ausschließlich aus natürlichen, kunststofffreien und regionalen Baustoffen.

Das Gebäude kommt auch ganz ohne Beton aus – bei sämtlichen Ringankern und Tür- bzw. Fensterstürzen setzt der Bauherr auf Holz. Vermauert werden die Lehmziegel mit sonnengetrockneten und damit CO2-neutral hergestelltem Lehm-Mauermörtel aus Niederbayern. Eine hinterlüftete Holzfassade schützt das Mauerwerk dauerhaft vor Schlagregen.  

Anforderungen und Eignung nach DIN 18945

Die 2013 veröffentlichte und 2024 aktualisierte DIN 18945 legt Anforderungen und Prüfverfahren für im Werk hergestellte Lehmsteine für tragendes und nicht tragendes Mauerwerk fest. Die Anwendungsklasse II erlaubt den Einsatz von Lehmziegel für konstruktiv witterungsgeschütztes Außenmauerwerk (hier mit einer Holzverkleidung), Innenmauerwerk sowie trockene Anwendungen (z.B. Deckenfüllungen). Außerdem eignen sich diese Lehmsteine für sämtliche Innenräume, auch für Küchen und Bäder. Hier wertet der Baustoff jeden Wohnraum bzgl. Raumklima und Ästhetik auf und setzt strukturreiche Akzente.

Vor allem während der Bauphase ist das Mauerwerk vor Feuchtigkeit zu schützen. Bei der Biogärtnerei Steinhilber entschieden sich Bauherr und Bauunternehmer deshalb für eine Einhausung des gesamten Baukörpers (siehe Fotos). Dadurch war die Baustelle in den Wintermonaten optimal vor Wind und Wetter geschützt und der Rohbau konnte witterungsunabhängig und rationell emporwachsen. Alternativ hätten fertiggestellte Wände und Ziegellieferungen zuverlässig und aufwendig jeden Tag neu abgedeckt, gesichert und kontrolliert werden müssen.

Zum Schutz vor aufsteigender Feuchtigkeit wurden die Sockel für das Lehmsteinmauerwerk nach DIN 18940 ausgeführt (von unten nach oben): ≥ 30 cm hydrophobe, also wasserunlösliche Materialien (hier Granitbruchsteine) / horizontale Sperrschicht / ≥ 5 cm wasserfeste Materialien (hier gebrannte Ziegel).

7 Ansichten des Bestandsgebäudes und des Anbaus
8 Hier sieht man schön die Sockelausbildung

9 Detail und Beschreibung zum konstruktiven Feuchteschutz des Sockels

Baukosten

Preislich liegen die ungebrannten Lehmsteine in etwa gleichauf mit gebrannten Ziegeln.

Dass sie (noch) nicht preiswerter sind, liegt auch an der etwas anderen Rohstoffzusammensetzung sowie dem größeren Materialbedarf, da sie weniger Lochanteil aufweisen als herkömmliche Ziegel. Ein Mehraufwand entsteht durch den Witterungsschutz während der Bauzeit, was zu höheren Kosten führt, aber durchaus auch Vorteile für den gesamten Bauablauf – schließlich sind neben den Baustoffen auch die ausführenden Handwerker vor Regen, Wind und Frost geschützt und es kann selbst im Winter bei fast jeder Witterung gearbeitet werden.

Fazit

Hier entsteht ein manchmal herausfordernder, aber auf jeden Fall lohnenswerter Pionierbau. Belohnt werden der Bauherr sowie die späteren Nutzer durch eine top Ökobilanz, ein hervorragendes Raumklima und strukturreiche und damit ästhetisch ansprechende Wandoberflächen.

Bauherr:        Naturkost Steinhilber – Projektvorstellung
Ort:                Uchamühle 1, 92709 Moosbach
Architekt:      Jochen Kuhlemann

Verwendete Produkte:

  • Schlagmann Poroton Lehmbloc 1,8 für tragendes Mauerwerk
  • Schlagmann Poroton Lehmbloc 2,0 für tragendes Mauerwerk
  • Schlagmann Poroton Lehmbloc 1,4 für nicht tragendes Mauerwerk
  • Levita Lehmmörtel
Quellenangaben

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1 Kommentar

  1. Ein tolles Projekt, bei dem ganz viel selbst gemacht wurde!
    Glückwunsch.

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Quelle: Schlagmann Poroton GmbH – vom IBN redigierte Fassung einer Presseinformation vom 17.06.2025
Bilder: Schlagmann Poroton

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