Interview mit Ulrich Steinmeyer – Vorstand ÖkoPlus AG

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Bei ÖkoPlus, Deutschlands einzigem Fachhandelsverbund für Ökologisches Bauen und Wohnen, sind rund 45 Händler und 30 Hersteller organisiert. Der 1996 gegründete Verbund setzt sich für ökologisches, gesundes und bezahlbares Bauen ein und professionalisiert Öffentlichkeitsarbeit, Marketing und Netzwerkarbeit seine Händler.

Ulrich Steinmeyer

Ulrich Steinmeyer

Ulrich Steinmeyer ist Diplomökonom, Passivhaus-Handwerker und seit 2015 Vorstand der ÖkoPlus AG. Während seines Studiums in Bremen wohnte er mit Studienfreunden in einer Landkommune, einem alten Bauernhof. Beim Renovieren des Gebäudes verwendeten sie ökologische Baustoffe - damals schwer zu bekommen. 1995 gründeten sie deshalb einen Handel für Naturbaustoffe in Verden an der Aller, den "Biber"-Baumarkt. Heute noch ist Steinmeyer einer der Geschäftsführer. Er ist Mitgründer des Ökozentrums in Verden (1998), der ökologischen Gemeinschaftssiedlung Neumühlen (2004), in der er mit Familie in einem Passivhaus wohnt, und des Norddeutschen Zentrums für Nachhaltiges Bauen NZNB (2014), ein fünfgeschossiger Strohballenbau, der als Standort für einige Betriebe und Fachverbände, aber auch als Ort für Information (u.a. große Ausstellung), Beratung und Weiterbildungen dient. 

Wann und von wem wurde ÖkoPlus gegründet?

Nachdem ab Mitte der 1980-er Jahre die ersten Naturbaustoffläden gegründet wurden, folgte 1996 der bundesweite Verband ÖkoPlus. Bei der Gründung waren auch einige der damals neu entstandenen Hersteller wie Auro, Pro Clima oder Woodline dabei. Eines seiner Ziele war die Stärkung des Naturbaustoffhandels (Hinweis der IBN-Redaktion: Auro bietet Naturfarben etc. an, Pro Klima Luft- und Winddichtungssysteme und Woodline u.a. Massivholzböden). 

1 Das Norddeutsche Zentrum für nachhaltiges Bauen (NZNB) – ein 5-geschossiger Strohballenbau mit einer großen Ausstellung zum ökologischen Bauen – gründete Ulrich Steinmeyer
2 In einer Holzkonstruktion dämmt Stroh besonders nachhaltig
3 Weil Holz und Stroh CO2 speichern können, wird das Gebäude etwa 40 Jahre lang kein CO2 verursachen
4 und 5 ÖkoPlus-Naturbaustoffhandlung „Gütter Naturbaustoffe“ in Wasserburg am Inn

Was können ÖkoPlus-Fachhändlungen besser als „normale“ Baumärkte?

Qualität, Nachhaltigkeit und Gesundheit! Nach den Holzschutzmittelprozessen in den 80er-Jahren und einem verbreiteten Unbehagen in Bezug auf den Einsatz von Kunststoffen im Baubereich entwickelte ÖkoPlus klare Kriterien für ökologische Baustoffe und leistete damit Pionierarbeit, die ihre Fortsetzung später in den Zertifizierungs-Kriterien von Natureplus oder den Bewertungssystemen für komplette Gebäude wie das vom Bundesbauministerium fand.

Kann man sich von ÖkoPlus-Fachhändler*innen auch beraten lassen?

Durch die beschriebenen Grundlagen von ÖkoPlus, viele Weiterbildungen u.a. im Rahmen der Weiterbildungsangebote des IBN und einen intensiven Erfahrungsaustausch für seine Händler, die ÖkoPlus organisiert, kann eine gute Beratung für die Kunden gewährleistet werden. Durch die jahrelange Erfahrung mit dem Verkauf und vielfach auch dem Einbau der Produkte ist bei den Händlern von ÖkoPlus ein Erfahrungsschatz entstanden, den man sonst in kaum einem normalen Baumarkt finden wird. Ein großer Teil der Geschäfte bietet eine eigene Verarbeitung der Produkte an oder verfügt über feste Kooperationen mit Handwerkern.

Das Wissen und die Informationen, die man dort bekommen kann, gehen deutlich über reine Produktinfos hinaus und umfasst häufig grundlegende Informationen für konstruktive Lösungen und baubiologische Aspekte.

Ist baubiologisches Bauen teurer?

Nein! Ein konsequenter Naturbau muss nicht teurer sein, als die konventionelle Bauweise. Die Baustoffe selbst sind nicht relevant teurer, wie eine umfangreiche Vergleichsstudie von Dipl.-Ing. Architekt Holger König für das bayerische Landesamt für Umwelt von 2017 belegt (Hinweis der Redaktion: „Lebenszyklusanalyse von Wohngebäuden – Lebenszyklusanalyse mit Berechnung der Ökobilanz und Lebenszykluskosten“). Demnach liegen die Kosten von Bauten mit Naturstoffen im Vergleich zu konventionellen Bauten im Bereich von -1% bis +4%. Relevanter als Kostenfaktor sind eher die technische Ausstattung der Gebäude und der Standort und weniger die verwendeten Baustoffe.

Auch bezüglich Baukosten ist es oft wichtig, dass die gewählten Baukonstruktionen bzw. -details zu den verwendeten Naturbaustoffen passen. Werden bei konventionellen Konstruktionen nur die Baustoffe ausgetauscht, kann es mit Naturbaustoffen deutlich teurer werden.

Empfehlung der IBN-Redaktion: “Preis-wert” baubiologisch Bauen

Gibt es geeignete Planer*innen und Handwerker*innen für baubiologisches Bauen?

Das ist oft ein Problem. Es gibt viel zu wenig Planer*innen und häufig auch zu wenige Handwerksbetriebe, die sich gut mit der Umsetzung von baubiologischen Bauten auskennen. Daher bieten viele Naturbaustoffhändler inzwischen selbst die Verarbeitung ihrer Materialien an oder haben sich feste Kooperationspartner im Handwerk dafür aufgebaut. Wertvoll in diesem Sinne ist die Kooperation mit dem IBN bzw. den vom IBN zertifizierten Baubiologischen Beratungsstellen IBN. 

Das IBN und ÖkoPlus kooperieren u.a. in folgenden Bereichen: 

  • Fachaustausch
  • Öffentlichkeits- und Netzwerkarbeit
  • Gegenseitige Empfehlung und Listung der Baubiologischen Beratungsstellen IBN sowie der ÖkoPlus-Naturbaustoffhandlungen

6–8 ÖkoPlus-Naturbaustoffhandlung „LebensArt“ in Freising bei München

Welche Entwicklungen und Trends siehst du bei Baumaterialien und beim gesunden Bauen in der näheren Zukunft?

Durch die Umwelt- und Klimadiskussion wird der Naturbau einen deutlichen Schub bekommen. Der Bausektor hat einen erheblichen Anteil am Klimawandel. Durch das konventionelle Bauen mit Stahlbeton, Aluminium, Mineralwolle, Plastik etc. werden im Produktionsprozess und durch den Energieverbrauch so viele Klimagase frei gesetzt, dass die Klimaziele nicht zu schaffen sind. Naturbaustoffe hingegen haben die Fähigkeit, Biomasse und damit CO2 zu speichern. Es ist besser, Holz oder auch Materialien wie Stroh oder Hanf zu verbauen und damit als CO2 Speicher zu nutzen, als sie zu verbrennen.

ÖkoPlus ist dabei in Zusammenarbeit mit anderen Akteuren wie den Umweltverbänden, den Baubiologen, Natureplus u.a. aktiv, um das Thema gesellschaftlich voranzubringen. In den letzten Jahren wurden daher verschiedene gemeinsame Stellungnahmen u.a. zum neuen Gebäudeenergiegesetz GEG oder zur KfW-Förderung für Neubauten verfasst und an die entsprechenden Regierungsvertreter geschickt. Viel davon ist auf der ÖkoPlus Website nachzulesen. Gleichzeitig zu dieser absehbaren Tendenz auf politischer Ebene gibt es auch bei den jüngeren Kund*innen eine klare Hinwendung zu Naturbaustoffen. Seit wenigen Jahren kommen wieder mehr junge Kunden in die Geschäfte. Durch Aktivitäten wie “Fridays for Future” wird das nochmal deutlich verstärkt werden.

Allerdings gibt es auch viel Greenwashing in dem Bereich. Sehr viel wird als „Grün“ vermarktet, was dem nicht gerecht wird. Auch wird es in Zukunft mehr fragwürdige Lösungen geben wie Böden aus „Natur-Polyurethan“. Polyurethan (PU) lässt sich auch aus natürlichen Ressourcen gewinnen. Der Herstellungsprozess wird dadurch allerdings nicht weniger problematisch und natürlich abbaubar wird das Produkt dadurch auch nicht. Eine Beratung im Naturbaustoffhandel oder bei Baubiologen zu solchen Themen ist daher zu empfehlen.

Veränderungen sind auch an anderer Stelle spürbar. Das Internet wird zunehmend als Informationsquelle und für den Verkauf wichtig. Darauf hat ÖkoPlus mit einer neuen Website mit vielfältigen Infos zum Thema Naturbau und mit seinem neuen Webshop reagiert, der demnächst online gehen wird. Damit können viele Ökoplushändler ihre Waren neben dem Ladenverkauf regional vermarkten.

Wie ist dein persönliches Statement zur Verwendung von Naturbaustoffen?

Im Verhältnis zur Relevanz des Themas Bauen für den Klimawandel und Gesundheitsvorsorge wird das Thema gesellschaftlich bisher völlig unterbewertet.

Eine ehrliche und echte Energiewende und eine gute Gesundheitsvorsorge im Rahmen des Bauens und Wohnens sind ernsthaft nur mit baubiologischen Baustoffen möglich. Ich verarbeite sie selbst als geprüfter Passivhaus-Handwerker und war auf vielen unserer Baustellen tätig. Meine Leidenschaft für das Baubiologische Bauen und Gemeinschaftsprojekte gebe ich gerne in Vorträgen weiter.

Es sind Änderungen auf verschiedenen Ebenen, wie der Ausbildung von Planern und Handwerkern, den Bauordnungen, den Förderungsbedingungen und den gesetzlichen Vorgaben notwendig, um relevant umsteuern zu können. Wir können viel mehr leisten als derzeit umgesetzt wird und es wird Zeit, in diesem Sinne durchzustarten. ÖkoPlus will gerne seinen Teil dafür leisten.

Ihre Stimme zählt

Wir sind neugierig darauf, was Sie zu sagen haben. Hier ist Raum für Ihre Meinung, Erfahrung, Stellungnahme oder ergänzende Informationen. Wir bitten Sie um Verständnis, dass auf dieser kostenlosen Informationsplattform:

  • Fragen nicht beantworten werden können – bitte stellen Sie Ihre Fragen direkt an unsere Autor*innen.
  • Werbung nicht gestattet ist – Sie können aber gerne mit einem Werbebanner auf Ihre Produkte/Dienstleistungen aufmerksam machen

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Quellenangaben und/oder Fußnoten:

Bild 1: NZNB
Bild 2 und 3: Ulrich Steinmeyer
Bilder 4 und 5: Martin Gütter
Bilder 6–8: LebensArt, Freising

Ulrich Steinmeyer

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Ulrich Steinmeyer ist Diplomökonom, Passivhaus-Handwerker und seit 2015 Vorstand der ÖkoPlus AG. Während seines Studiums in Bremen wohnte er mit Studienfreunden in einer Landkommune, einem alten Bauernhof. Beim Renovieren des Gebäudes verwendeten sie ökologische Baustoffe - damals schwer zu bekommen. 1995 gründeten sie deshalb einen Handel für Naturbaustoffe in Verden an der Aller, den "Biber"-Baumarkt. Heute noch ist Steinmeyer einer der Geschäftsführer. Er ist Mitgründer des Ökozentrums in Verden (1998), der ökologischen Gemeinschaftssiedlung Neumühlen (2004), in der er mit Familie in einem Passivhaus wohnt, und des Norddeutschen Zentrums für Nachhaltiges Bauen NZNB (2014), ein fünfgeschossiger Strohballenbau, der als Standort für einige Betriebe und Fachverbände, aber auch als Ort für Information (u.a. große Ausstellung), Beratung und Weiterbildungen dient. 

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