Sanierung spätmittelalterliches Fachwerkhaus – Teil 2

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Das 560 Jahre alte, einmalig schöne Fachwerkhaus wurde architektonisch wie energetisch umfassend saniert.

In Teil 1 wurde die bauliche Sanierung beschrieben. In diesem Teil 2 wird das energetische Konzept vorgestellt.

Der Architekt, Zimmermann und in diesem Fall Bauherr Rolf Klärle wollte bei seiner ausgezeichneten Sanierung dieses spätmittelalterlichen Hauses das Fachwerk innen wie außen zeigen. Da blieben in den Giebelfassaden nur wenige Zentimeter Platz für die Holzfaserdämmung. Dafür sind Dach und Trauffassaden bestens gedämmt.

Rolf Klärle wollte den Charakter des Hauses – das handwerklich einmalige Eichenfachwerk – innen wie außen zeigen und auch auf eine gute Belichtung mit Tageslicht nicht verzichten. Alle hierzu erforderliche Fragen diskutierte er eingehend mit dem Denkmalamt.

Nach dem Abnehmen der Wellplatten an der Südfassade zeigten sich dort gravierende Schäden. Fachwerkfüllungen waren fast keine mehr vorhanden. Klärle setzte sich nach Absprache mit einem Bauphysiker mit der Entscheidung, das Fachwerk sowohl nach außen als auch nach innen zu zeigen, bewusst von den Empfehlungen der „Wissenschaftlich-Technischen Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege“ WTA ab; die WTA empfiehlt in ihrem Merkblatt zur „Ausfachung von Sichtfachwerk“ eine durchgängige winddichte Schicht und bezeichnet ein innen wie außen sichtbares Fachwerk als problematisch. Die Gefache haben zwar viele Anschlusspunkte, die schwierig dicht zu bekommen sind, aber nur relativ kleine Flächen.

1 Das Haus mit Eichenfachwerk in der Altstadt von Bad Mergentheim wurde vor über 560 Jahren gebaut und erstrahlt heute wieder in neuem Glanz
2 Giebel auf der Südseite nach dem Abnehmen der Wellplatten
3 Leisten in den Gefachen bilden die Unterkonstruktion der neuen Fassadendämmung
4 Nach außen dichtet ein Kompressionsband zwischen Leiste und Holzfaserplatte auch die kleinste Fachwerkfüllung winddicht ab
5 Die Holzfaserplatten wurden von außen auf Kompressionsband und Leisten geschraubt. Danach wurden die Felder mit Holzfasermatte ausgedämmt
6 Nachdem die Gipsfaserplatten innen eingepasst wurden, erhalten sie einen Rotkalkputz und abschließend Kalkfarbe. Die Eichenhölzer bleiben roh

Diffusionsoffen und kapillaraktiv

Der Bauphysiker riet zu robusten, diffusionsoffenen und kapillaraktiven Materialien, welche die Giebelfassaden trocken halten: Auf einer Unterkonstruktion aus Holzlatten dichtet nach außen nun ein Kompressionsband eine Putzträgerplatte aus Holzfasern ab. Innen schließen Gipsfaserplatten die Felder. Den Raum zwischen den Platten dämmt Holzweichfaser. Die inneren Platten erhielten einen Rotkalkputz. Die Hölzer blieben roh. Außen wurde das Fachwerk wie im Originalzustand mit Leinöl gestrichen. Ein mineralischer Außenputz in den Gefachen unterstützt das Abtrocknen von Regenwasser und von Kondensationsfeuchte.

Wichtig ist bei dieser Bauweise eine regelmäßige Kontrolle, ob alles dauerhaft dicht ist. Fugen können vor allem durch langsam schwindendes Neuholz entstehen. Und tatsächlich mussten Fugen im Holz der Mittelstütze der Straßenseite nachträglich geschlossen werden.

Weitere energetische Ertüchtigung

Das 65° steile Dach erhielt eine dicke Aufdachdämmung mit Zellulose, so dass die alten Balken noch sichtbar sind (siehe Abbildungen Teil I). Um für die Durchfahrt in den Hof genug Raumhöhe zu erhalten, dämmte Klärle den Boden über der Durchfahrt von innen ausnahmsweise mit EPS (Wärmeleitzahl EPS = expandiertes Polystyrol ca. 0,03 W/mK / Zellulose ca. 0,04 W/mK). Schließlich dämmte er beide Traufseiten: die westliche außen mit 6 Zentimeter Holzfaserdämmung, die östliche mit porosierten Ziegeln und Porenbetonsteinen. „Damit ist ein Großteil der Außenhülle gut gedämmt“, ist Klärle zufrieden. Der berechnete Jahres-Primärenergiebedarf Q beträgt 107 kWh/m²a und erreicht das Niveau eines KfW-Effizienzhauses 115.

Erhalten und aufarbeiten konnte er zwei historische Fenster in der westlichen Traufseite. Geplant ist, sie noch energetisch zu ertüchtigen und innen einen Fensterflügel vorzusetzen.

Die Flächenheizung im schwimmenden Estrich versorgt eine Gastherme. Mit einem Holzofen im Wohnzimmer heizt der Hausherr zu. Geplant ist, mit dem Ausbau des Anbaus auch die erneuerbare Energieversorgung mit Photovoltaik und Solarthermie auf dem Dach zu verbessern. So ist das mittelalterliche Haus gut für seine weitere Zukunft gerüstet. Sein sichtbares Eichenfachwerk erfreut seinen Besitzer ebenso, wie Denkmalschützer und Passanten.

7 Neuer Dachaufbau: alte Balken, Höhenausgleich, Fichte-Dreischichtplatte, Kontersparren KVH 6 x 26 cm, Holzfaserplatte 4 cm. Dazwischen wird mit Zellulose ausgeblasen
8 Die Decke über der Durchfahrt wurde wegen der geringen Höhe der Durchfahrt als einzige innen mit EPS gedämmt
9 Aufgrund einer wohl längere Zeit defekten Entwässerung war die Traufwand im Osten fast auf ihrer gesamten Länge verheerend geschädigt
10 Aufmauern der neuen Brandschutzwand zwischen den Gebäuden im Osten. Sie wird ergänzt durch das mit Porenbetonsteinen ausgemauerte Fachwerk

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Quellenangaben und/oder Fußnoten:

Bilder: Klärle Architektur

Autor

Achim

Pilz

freier Journalist, Kurator, Juror und Berater, Baubiologe IBN und Chefredakteur des Baubiologie Magazin.

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