Miteinander geht was – Dorf Hitzacker, Teil 1

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Die ewig drängende Frage nach bezahlbarem und ökologischem Wohnraum hat im niedersächsischen Wendland eine Antwort mit Signalwirkung erhalten. Aus der Flüchtlingskrise 2015 resultierte die Idee, die Geflüchteten über ein Selbstbauprojekt zu integrieren: die Vision des Hitzacker Dorfes war geboren.

Gemeinsam initiierten der Lehmbauer Thomas Hagelstein und der Projektentwickler Hauke Stichling-Pehlke mit dem Architekten Frank Gutzeit einen ergebnisoffenen Prozess, der stetig weiterentwickelt wird. Auf einem 5,5 Hektar großen Grundstück entsteht in mehreren Bauabschnitten ein Dorf mit rund 100 Wohnungen, getragen von einer 2016 gegründeten Genossenschaft, in der jeder Siedler verpflichtend Mitglied ist. Der erste Bauabschnitt ist nun weitestgehend fertiggestellt (Stand 10/2022) und bietet in 13 Mehrparteienhäusern 52 Erwachsenen und 25 Kindern eine neue Heimat. 

Wiederbelebung des ländlichen Raums

Der siedlungsgeografische Ansatz basiert auf der Revitalisierung des ländlichen, strukturschwachen Raums. Denn dieser darbt – auch im Landkreis Lüchow-Dannenberg, der zu den am dünnsten besiedelten Regionen in ganz Deutschland gehört und sukzessive zu überaltern droht. Hier versteht sich das Hitzacker Dorf als Blaupause zur Erneuerung ruraler, dörflich-kleinstädtischer Regionen, insbesondere durch den Zuzug junger Menschen und Familien, welche die vollen und teuren Agglomerationen verlassen, auch um ihren Kindern ein entspanntes Aufwachsen im Grünen zu ermöglichen. Zugleich steht das Hitzacker Dorf als Genossenschaft mit derzeit rund 200 Mitgliedern für ein gemeinschaftliches Leben aller Generationen, Nationen und Altersstufen. 

1 Hitzacker Dorf 3-D Masterplan
2 Gemeinschaftliches Bauen der Siedler
3 Großes multifunktionales Gemeinschaftshaus und Öko-Selbstversorger-Kleingärten
4 Typisches Wohnhaus mit beidseitiger Laubengangerschließung

Daseinsgrundfunktionen reintegriert

Der städtebauliche und raumordnungspolitische Kardinalfehler des 20. Jahrhunderts lag und liegt in der Trennung der Daseinsgrundfunktionen von Wohnen und Arbeiten, Freizeit, Bildung, Verkehr und Nahrungserzeugung. Das Hitzacker Dorf reintegriert diese bewusst wieder an Ort und Stelle – kurze, staufreie Wege inklusive. Auf dem als Mischgebiet ausgewiesenen Areal werden rund 20 % der Fläche gewerblich genutzt, z.B. als Arztpraxis oder Coworking Space. Des Weiteren befindet sich, neben der direkten Eigenversorgung in Kleingärten, eine eigene Solawi – solidarische Landwirtschaft – im Aufbau. Derweil ist das große Gemeinschaftshaus als Kommunikationszentrum mit Büro multifunktional ausgerichtet, es dient z.B. als Seminar- und Küchenbetrieb, als Versammlungs- und Aufführungsort, als Bibliothek und im OG gar als Mitwohnzentrale.

Baueigenleistung von 13 % 

Ziel ist es, eine von den Siedlern getragene, kleinteilige und dezentrale Ökonomie aufzubauen, die neue Arbeitsplätze in und um die Siedlung herum schafft. Die Dorfgründung erfolgte im nahe gelegenen Hitzacker-Bahnhof, der vor 8 Jahren von dem Verein Kulturbahnhof Kuba e.V. (www.kuba-ev.de) übernommen worden war. Die Genossenschaft Hitzacker Dorf ist Vereinsmitglied und betreibt dort ein Büro. Im ersten Bauabschnitt wurden 47 Wohneinheiten in vollökologischer Holzständerbauweise mit Wohnflächen zwischen 30 m2 und 150 m2 auf einem 2,3 Hektar großen Areal fertiggestellt. Dabei beträgt die von den Siedlern eingebrachte Baueigenleistung rund 13 % an der Gesamtleistung, was einem kalkulierten Wert von ca. 500.000 Euro entspricht.

Teamwork von Profis und Laien

Die Umsetzung erfolgte über so benannte ‚Teamer‘, bezahlten Handwerkern, die Teilgewerke, wie z.B. das Abrütteln des Glasschaumschotters, das Aufbringen des Lehmputzes oder das Verlegen der Dielenfußböden, in entsprechenden Baugruppen angeleitet haben. Das Teamwork von Profis und Laien hat funktioniert – was von den Siedlern einmal erlernt wurde, konnte fortan fast selbstständig ausgeführt werden. Das senkte zum einen die Baukosten, und trug zum anderen entscheidend dazu bei, dass die Menschen eine echte Identität beim Bau ihrer neuen Heimat entwickeln konnten. Der Architekt Frank Gutzeit erläutert: „Wir verstehen das Bauen des Hitzacker Dorfes als solidarische Gemeinschaftsaktion. Dem folgt das Konstruktionsprinzip, das ökologisch, giftfrei und sich für die Einbringung von Eigenleistung eignen muss. Auch verzichten wir bewusst auf jedwede Kontrolle oder Bewertung, jeder bringt sich bestmöglich ein, ohne Neid oder gar Wettkampfgedanken.“

5 Fassadenintegrierte Vogel-Brutplätze
6 BaseG-Aktion Versammlungsort
7 Hitzacker Dorf Siedler
8 u. 9 Siedler-Selbstbau

Miethöhe mit der Kommune abgestimmt

Für die im KfW 40 Standard errichtete Siedlung hat die Genossenschaft insges. 4,1 Mio. Euro an zinsvergünstigten Darlehen von der KfW-Bank erhalten. Zudem konnten aus Genossenschaftsanteilen ca. 25 % der aufzubringenden Eigenmittel generiert werden, wobei jeder Siedler je nach Wohnraumgröße zwischen 18.000 und 30.000 Euro eingezahlt hat. Die Genossenschaft vermietet wiederum die Wohnungen für 6 Euro/m² Kaltmiete an die Bewohner. Die Miethöhe wurde mit der Kommune abgestimmt, damit die Menschen bei etwaiger Inanspruchnahme einer Grundsicherung ihr Zuhause nicht verlassen müssen und Miete und Nebenkosten übernommen werden. In Summe wartet das Hitzacker Dorf mit einem Preis-Leistungsverhältnis von rund 1.500 Euro/m2 Wohnraum an Baukosten inkl. Grundstück auf, und das in Holzbauqualitäten, für die auf dem freien Markt das dreifache und mehr zu bezahlen wären. Die Restfinanzierung läuft über eine Genossenschaftsbank. An dieser Stelle sei erwähnt, dass gut eine halbe Million Euro an unentgeltlicher Planungsleistung in den Bau eingeflossen sind. Dazu passt die Entscheidung der Gruppe, Menschen ohne eigenes oder mit zu wenig Kapital via Solidareinlagen die Teilhabe und damit Wohnraum zu ermöglichen. Das gegen jedwede Bodenspekulation gefeite Hitzacker Dorf strebt mit den nächsten Bauabschnitten eine Einwohnerzahl von etwa 300 – 400 Menschen an, um eine funktionsfähige, sozial-ökologische Ökonomie betreiben zu können.

Solidarische Gala-Bau Aktion

In diesem Sommer gastierte die BaseG (www.baseg.org), die Bundes­arbeits­gemein­schaft selbst­ver­wal­teter Garten­bau­betriebe, zu einem einwöchigen, unentgeltlichen Workcamp im Hitzacker Dorf. Die ca. 120 Teilnehmenden schufen gegen Kost und Logis ein Gründach, zwei Plätze nebst Rundling und ein Amphitheater, einen Ort fürs Recycling sowie ein Mandaladach für den später geplanten Pizzaofen. Der noch wilde Außenbereich hat auf diese solidarische Weise erste Strukturen erhalten. Der Baubiologe IBN Thomas Hagelstein bringt es auf den Punkt: „Allen Unkenrufen und Widerständen zum Trotz ist es gelungen zu zeigen, dass baubiologische Standards im Wohnungsbau kein Hexenwerk sind. Bezahlbarer, gesunder Wohnungsbau ist zu schaffen, wenn Gemeinwohlorientiertheit vor Gier und Profit gestellt werden. Auch hier wurde wieder deutlich, dass ein anderes Wirtschaften möglich ist, wenn wir uns als aus der Fülle Schöpfende verstehen. Miteinander geht was.“

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Quellenangaben und/oder Fußnoten:

Titelbild: Marc Wilhelm Lennartz
Abbildungen: (1, 2, 6, 7, 8, 9) Frank Gutzeit Architekt | (3, 4, 5) Marc Wilhelm Lennartz

Autor
Marc Wilhelm Lennartz

Marc Wilhelm

Lennartz

unabhängiger Fachjournalist & Buchautor

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