Interview mit Johann Steinhart

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Johann Steinhart ist Lehmbauer und erfahrener baubiologischer Innenausbauer mit Visionen. Seine ökosoziale Tiny House Siedlung soll die Stoffkreisläufe möglichst klein halten und keinen Abfall entstehen lassen.

Ökoausbau Steinhart

Johann Steinhart

Alois-Sperrer-Str. 7
DE-86316 Friedberg

Du bist ausgebildeter Maler, staatlich geprüfter Betriebswirt und Fachkraft für Lehmbau DVL. Seit wann bist du Lehmbauer?

Die Ausbildung dazu habe ich 2012 gemacht.

Warum wurdest du zudem Baubiologe IBN?

Zur Beantwortung dieser Frage muss ich mit meinem ersten Haus anfangen, das ich im Alter von 25 Jahren gebaut habe. Die Zimmerei Doser in Pfronten/Allgäu hat es mir nach baubiologischen Prinzipien geplant, mit Naturbaustoffen, Zellulosedämmung, Lehm und Wandflächenheizung. Damals bin ich auch mit Baubiologen zusammengekommen. Später war ich mit Lehmbau gut beschäftigt, habe aber auch gesundheitliche Probleme bekommen, wie Entzündungen in den Gelenken. Deshalb habe ich nach Alternativen gesucht, die mich ganzheitlich weiter bringen und bei denen ich mehr beratend tätig sein kann. Weil ich krank war, habe ich Zeit gehabt und die Ausbildung zum Baubiologen zügig innerhalb von drei Monaten absolviert. Das gab es bis dahin noch nicht.

Und warum hast du dich für das IBN entschieden?

Das IBN war naheliegend. Ich hatte viel Gutes über seine Ausbildung gehört, die zudem zertifiziert ist.

1 Haus Steinhart – bereits 1993 mit Naturbaustoffen, Zellulosedämmung, Lehm und Wandflächenheizung gebaut
2 Angenehme Wohnwärme und freie Räume durch Wandflächenheizung. Ein gutes Raumklima durch sorptionsfähige Baumaterialien wie Holz, Lehm und Kalk

Wie arbeitest du mit dem IBN zusammen?

Das IBN leitet immer wieder Anfragen an mich weiter. Mit Winfried Schneider, dem Leiter des IBN, tausche ich mich über aktuelle Projekte aus. Und auf dem letzten Weiterbildungsseminar „Baubiologie + Energie“ habe ich über drei spannende, aktuelle Projekte berichte.

Gibt es andere wichtige Kooperationspartner für dich?

Aktuell bin ich mit verschiedenen Firmen, die Gebäude mit 3D-Druckern bauen, im Gespräch. Ich war bei den Firmen PERI und ich war in Italien bei der Firma WASP. Das Thema hat ein wahnsinnig großes Potenzial. Das ist die Zukunft, was das ökologische Bauen betrifft und was Material sparen betrifft.

Was ist deine alltägliche Arbeit?

Momentan Beratungen bei Lehmbauprojekten. Dann mache ich noch viele Ausbauten. Aktuell baue ich ein altes Feuerwehrfahrzeug zu einem ökologischen Wohnmobil um. Da arbeite ich mit speziellen Hölzern. Dann bin ich immer wieder dabei, meinen Prototyp für ein Tiny House bezüglich Gewicht und ökologische Materialien weiterzuentwickeln. Deshalb war ich kürzlich wieder bei einem Materialhersteller.

Du hast deinen Prototyp gerade mit einer Fassade aus geflammtem Holz ausgestattet. Was hast du dabei für Erfahrungen gemacht?

Die Fassade aus geflammtem Holz nach der japanischen Methode Yakisugi ist ästhetisch sehr schön und schaut super aus. Aber sie ist sehr aufwändig zu verbauen, denn bei den Schnittstellen muss man noch einmal nachflammen. So genannte Thermohölzer sind da einfacher, weil auch der Anschnitt gleich thermisch geschützt ist.

3 Bei der handwerklichen Sanierung von historischen Gebäuden lernt man Naturbaustoffe kennen und lieben
4 Das alte Gemäuer erhält mit Lehm nach und nach seinen Charakter zurück
5 Für die Innendämmung wurde Zellulose im Nassverfahren direkt auf die Bruchsteinwand aufgesprüht und abgezogen
6 Auf die getrocknete Zellulosedämmung kam direkt ein zweischichtiger Lehmunterputz mit Bewehrung. Nun strahlen die „Augen des Gebäudes“ wieder

Wie oft wohnst du in deinem Tiny House?

Ich habe jetzt ein halbes Jahr darin gewohnt. Ich nehme es immer mit auf meine Baustellen. Aktuell nutze ich es als Büro. Neu habe ich die Küche eingebaut. Wenn alles fertig ist und autark funktioniert, möchte ich dauerhaft darin wohnen.

Aktuell planst du eine autarke ökosoziale Siedlung in Friedberg bei Augsburg. 11 bis 13 Häuser sollen aus Holz, Hanf, Stroh, Zellulose, Kork und Lehm entstehen. Den Lehm möchtest du mit einem 3D-Drucker drucken. Möchtest du dafür auch eigenen Lehm verwenden?

Ich habe eigenen Lehm auf meiner Baustelle und habe damit bereits verschiedene Materialproben wie zum Beispiel für Lehmsteine gemacht. Aber um damit zu drucken, muss er sehr gut aufbereitet sein.

Wie wird bei der italienischen Firma WASP der Lehm aufbereitet?

Sie verwenden eine industrielle Mischung mit etwa zwei Prozent Kalk. Der Kalk wird beim Trocknen warm und verkürzt so die Trocknungszeit. 

Ist Kalk als Zusatzstoff im Lehm eine Option für dich beim Drucken mit Lehm?

Nur wenn es ohne Kalk nicht funktioniert. Aber ich kenne auch andere Mittel, um die Trocknung zu forcieren. Offen sind auch noch andere große Fragen: wie drucke ich technisch, wie viel Gewicht kann ich auf die Mauer drucken und wie schnell kann ich drucken? Der Drucker von WASP ist schon perfekt, auch weil er relativ klein ist.

7 Das Tiny House Steinhart ermöglicht eine optimale Baubetreuung vor Ort und eine Reduktion auf das Wesentliche
8 In der Küche des Tiny Houses lädt die rustikale Optik der gehackten und gebürsteten Thermofichte zum regionalen Schlemmen ein
9 Auch das örtliche Energieunternehmen macht mit dem Ausstellungsfahrzeug von Ökoausbau auf sich aufmerksam. Es ist mit Schafwolle, Jute und Hanf gedämmt
10 Dem Drucken mit Lehm gehört die Zukunft
11 Auf der Suche nach Inspiration für eigene Projekte bei dem erfolgreichen Druckerhersteller

Du hast noch etwas anderes spektakuläres vor: Du möchtest, dass die Gebäude in der von dir geplanten Siedlung vom Anschlusszwang an den Abwasserkanal freigestellt werden. Warum? 

Das bedeutet, dass wir keinen Wasser- und keinen Abwasseranschluss haben. Stattdessen möchte ich jeden Haushalt separat mit einer Wasseraufbereitungsanlage ausstatten. Wenn du selbst verantwortlich bist für deinen eigenen Hauswasserkreislauf, gehst du damit anders um. Mein Ziel sind Stoffkreisläufe, die alle Stoffströme einer Wiederverwertung zuführen und möglichst keinen Abfall entstehen lassen. Und ich möchte für Normalbürger bezahlbaren Wohnraum schaffen mit möglichst wenig Nebenkosten. Noch wird der Anschluss- und Benutzungszwang von den Kommunen aufrechterhalten. Die Frage ist, ob sie den Mut haben, das Thema auf politischer Ebene zu klären

Was machst du, um dieses Ziel zu erreichen?

Wir stecken mitten im Klimawandel und werden in Zukunft immense Probleme mit unserem Trinkwasserhaushalt bekommen. Ich bin deshalb mit der bayerischen Regierung in Kontakt, mit dem Umweltministerium und mittlerweile auch mit dem Innenministerium. Und ich kläre auf: unsere Ausscheidungen sind kein Abfallstoff und gehören nicht in das Abwasser. Sie sind vielmehr ein wichtiger Wertstoff mit einem hohen Düngepotenzial, den wir nicht auf Knopfdruck verschwinden lassen sollten. Mit unserem Urin könnten wir 13 bis 20 Prozent unseres Düngeaufkommens einsparen. In der Schweiz gibt es Aurin, einen zugelassenen Dünger aus menschlichem Urin. Das Schweizer Wasserforschungsinstitut „eawag“ hat ein Filtersystem entwickelt, das alle negativen Bestandteile ausfiltert. Der gefilterte Urin wird in Flaschen abgefüllt und verkauft. Beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland machen wir in der Arbeitsgemeinschaft Wasser dieses Thema allgemein zugänglich.

Vielen Dank für das Interview!

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Quellenangaben und/oder Fußnoten:

Bildquelle: (1-11) Johann Steinhart

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Soll "Beratungsstellen" beworben werden?: ja

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