Einfach Bauen: Holzfenster

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Der Bau von Holzfenstern ist heute stark reguliert. Können wir sie trotz der strengen Vorschriften individuell gestalten?

Der allgemein hohe technische Anspruch an Fenster wird heute definiert in komplizierten Regelwerken mit dem Verweis auf europaweit eingeführte DIN-Normen. Anhand von Zertifikaten müssen sie ihre Leistungsfähigkeit nachweisen. Der Nachweis kann durch aufwändige und kostenintensive Labortests erbracht werden, das betrifft z.B. die Schlagregen- oder Luftdichtigkeit.

Wie sieht die heutige Planungspraxis aus?

Für Planende und Ausführende ist es schwierig und zeitaufwändig, sich bei der Fülle von Vorschriften zu orientieren. Das planen und bauen mit bewährten Methoden reicht nicht aus. Groß ist die Angst der Planer und Handwerker, dabei Fehler zu machen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich viele Handwerksbetriebe aus der Fertigung zurückgezogen haben und Fenster nur noch montieren. Stattdessen erfolgt deren Herstellung vorwiegend in industrieller, serieller Produktion. Dies führt nur zu oft dazu, dass Fenster zu wenig im Kontext der Architektur entworfen und geplant werden. Diese Entwicklung hat enorme Auswirkungen auf die Gestaltung der Gebäude und auf das Selbstverständnis der am Bau Schaffenden.

Gibt es noch Beispiele von individuell konzipierten Fenstern?

Ich habe mich auf die Suche gemacht nach handwerklichen und gestalterisch interessanten und gut funktionierenden Fensterbeispielen. Mit Studierenden der Architektur der TU München habe ich eine Reihe von Projekten untersucht. Zehn dieser Fensterbeispiele sind in meinem Buch „Einfach Bauen: Holzfenster“ ausführlich portraitiert und mit Detailzeichnungen dargestellt. Sie zeigen anschaulich unterschiedliche kreative Lösungsansätze zeitgemäßer Fensterkonstruktionen.

einfachbauen

Um dem jeweiligen Gebäude und dem Gestaltungsanspruch gerecht zu werden, wurden dabei auch experimentelle Ansätze verfolgt, welche die aktuellen Vorschriften nicht vollumfänglich beachten. Interessant ist, dass dadurch für heutige Problemstellungen, wie z.B. die ausreichende Belüftung von Gebäuden oder der Erhalt von Bestandsfenstern, einfache und gut funktionierende Lösungen gefunden wurden. Die Publikation sehe ich als Beitrag zur aktuellen Debatte, die heutigen Vorschriften am Bau wieder auf ein angemessenes Maß zu reduzieren und damit wieder größeren gestalterischen Freiraum zu schaffen.

Ein besonders beeindruckendes Beispiel für eine individuell gestaltetet Fensterkonstruktion

Das Haus Schiela im Dachauer Land steht am Rand einer kleinen Ortschaft, umgeben von malerischer Landschaft. Die Schönheit der umgebenden Natur inspirierte den Architekten Mathias Stelmach zu der Entwurfsidee für diese Fenster dieses Hauses. Durch präzise gesetzte Öffnungen in quadratischem Großformat kann man die weitläufigen Hügel und Felder betrachten wie ein Gemälde. Die Aussicht wollte der Planer nicht mit Sprossen oder Teilungen stören, aber gleichzeitig sollten die über zwei Meter großen Fensterflügel gut zu öffnen sein. Sinnvoll erschien der Einsatz von Wendeflügeln, Fenster, die zum Öffnen über die Mittelachse gedreht werden. Diese Bauweise sollte handwerklich und traditionell sein. Gemeinsam mit dem Schreiner Joseph Probst entwickelte der Architekt die Konstruktion. Anhand eines Prototyps erarbeiteten die Beiden die Funktionsweise der Fenster. Den Beschlag fand der Architekt Mathias Stelmach bei der Türtechnik, ein sogenannter Pivot-Beschlag, mit dem schwere Türen um eine mittige Achse geschwenkt werden können.

Das Experiment überzeugt in der Gestaltung und in der Funktion. Die Bewohner freuen sich über den Ausblick und benutzen Ihre Fenster gerne. Die für diese Öffnungsart und Konstruktionsweise verwendeten Schleifdichtungen werden regelmäßig gewartet und bei Bedarf ausgetauscht.

Dieses Beispiel zeigt, welches Potenzial darin steckt, wenn Fenster im Kontext der Architektur konzipiert werden können. Es wäre wünschenswert, die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass wieder mehr Gestaltungsspielraum (nicht nur) im Fensterbau möglich ist. Weitere Konstruktionsbeispiele sind in dem Buch „Einfach Bauen: Holzfenster“ dargestellt.

1 Haus Schiela im Dachauer Land
2 Handwerklich und traditionell hergestellter Wendeflügel
3 Trotz großer Fensterfläche können die Fenster leicht geöffnet werden
4 Ein weiterer Vorteil: Auch bei ganz geöffnetem Fenster ragen die Fenster nur halb in die Innenräume
5 Kaum zu sehen sind die sog. Pivot-Beschläge und Schleifdichtungen
6 Zeichnung der Ansicht und Schnitte

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Quellenangaben und/oder Fußnoten:

Fotos: Matthias Stelmach

Autorin

Judith

Resch

Schreinerin, Architektin und Lehrbeauftragte an der Technischen Hochschule Rosenheim

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