Das semantische Differenzial – Plädoyer für bewusste Raumwahrnehmung

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Ich seh´ etwas, was Du nicht siehst ...! Stellen wir uns mal vor, wir spielen dieses Spiel und fragen statt nach einer Farbe nach räumlichem Empfinden. Was kommt dabei wohl raus?

Achtsam wahrnehmen

Schauen Sie sich das folgende Bild von Michiru Takaoki an. Was sehen Sie?

Farben? Formen? Kugeln? Wasser? …. Nehmen Sie sich etwas länger Zeit, werden Sie noch etwas anderes entdecken, was Sie nur sehen können, wenn Sie das Stereogramm länger betrachten. Ich möchte damit zum Ausdruck bringen, dass das, was und wie viel wir bewusst wahrnehmen, auch vom Grad unserer Aufmerksamkeit und der Zeit, die wir uns dafür nehmen, abhängig ist.

1 Eine weitere Stufe der Evolution? – Stereogramm von Michiru Takaoki

Die gebaute Umwelt und Architektur ist für den Einzelnen und die gesamte Gesellschaft von Bedeutung, weil alle soziale Interkation darin stattfindet. Ganz selbstverständlich setzen sich unsere Sinne ohne unser absichtliches Zutun mit der gebauten Umgebung und deren Sinnesreizen auseinander. Den Großteildavon verarbeitet unser Hirn unbewusst und lässt die Eindrücke durch den persönlichen Erfahrungsfilter laufen. So wirken die räumlichen Faktoren ständig auf unsere Wahrnehmung und beeinflussen unser Denken und Verhalten. 

Eine recht gelungene Art die Wahrnehmung, kurzfristig die Aufmerksamkeit auf einen Raum zu lenken, ist das semantische Differenzial. Es fordert den Betrachter heraus, seine Empfindungen zu einer Sache, einem Produkt oder zu einem Raum anhand vorgegebener Begriffe auf einer Skala zu definieren.

Das semantische Differenzial bzw. das Polaritätsprofil

In der Psychologie ist das semantische Differenzial ein fester Begriff. Er wird in der Psychotherapie und in der Gesprächstherapie eingesetzt, um bei der Selbsterkennung zu helfen. Marktforschung, Medienanalyse und Sozialforschung bedienen sich des semantischen Differenzals vor allem in Hinblick auf Marken, Produkte, Unternehmen und Personen, deren Image analysiert werden soll.

Überblick

Das Semantisches Differenzial ist eine Methode zur Meinungserfassung über Produkte, Unternehmen, Produkte oder Räume.

  • Das Semantische Differential nutzt Gegensatzpaare 
  • Dimensionen des semantischen Potenzials sind: 
    • Valenzdimension – wird dadurch eher ein gutes oder schlechtes Gefühl ausgelöst
    • Potenzdimension – fühlt sich etwas eher groß und mächtig oder klein und schwach an
    • Aktivierungsdimension – fühlt sich etwas eher aktiv und laut an oder leise und passiv
  • Vorteile: quantitative Erfassung, hohe Vergleichbarkeit und einfache Auswertung.

Zur geschichtlichen Entwicklung

Das semantische Differenzial ist ein Messverfahren der empirischen Sozialforschung und wurde vom US-Psychologen Charles E. Osgood (1916-1991) und Mitarbeitern ab 1952 (Osgood, Suci und Tannenbaum 1957) entwickelt und im deutschen Sprachraum vom österreichischen Sozialpsychologen Peter Hofstätter(1913-1994) in Form des Polaritätsprofils leicht variiert indem die Forschungsgegenstände anhand von 24 standardisierten Eigenschaftspaaren (z. B. aktiv-passiv, alt-jung) bewertet werden. Das Problem dabei waren bzw. sind standardisierte Eigenschaftswörter, die nicht immer zum abgefragten Objekt passen. Heute werden deshalb ausgewählte gegensätzliche Adjektivpaaren verwendet, die an das Produkt bzw. den Inhalt der Abfrage gerichtet sind.

Das Polaritätenprofil in der Architektur und Innenraumgestaltung

semantisch 2

Als Architektin begegnete mir das semantische Differenzial bzw. Polaritätenprofil erst im Rahmen der Ausbildung für Wohn- und Architekturpsychologie.

Die Architektin und Farbexpertin Pia Anna Buxbaum aus Wien arbeitete in ihren Farblehrgängen als Vortragende des IWAP (Institut für Wohn- und Architekturpsychologie) mit einem – wie sie es nannte – Anmutungsprofil (Anmutung ist lt. Duden ein „gefühlsmäßiges, unbestimmtes Eindruckserlebnis“). Sie verwendete diese Abfragetechnik für die Erhebung der räumlichen Eindrücke Ihrer Seminarteilnehmer*nnen.

Die verwendeten Adjektivpaare werden anstatt auf Produkte und Marken auf Eigenschaften von Räumen ausgerichtet. Die Anzahl und Art der Eigenschaftswörter kann variiert werden (z.B. traditionell – modern, schlicht – überladen, hell – dunkel usw.).

2 Beispiel: Wie wirkt dieser Raum auf dich?

Das Polaritätsprofil zur Schärfung der räumlichen Wahrnehmung

Dieselbe Vorgangsweise wählte ich vor einiger Zeit bei einem Workshop mit Schüler*innen der Tourismusschule Gast in Andelsbuch/Vorarlberg im Werkraum Bregenzerwald. Das Gebäude des Schweizer Architekten Peter Zumthor entstand gemeinsam mit ansässigen Handwerkern und Firmen und hat die Förderung von Baukultur und Handwerk in der Region zum Ziel.

3 und 4 Werkraum Bregenzerwald

Die Schüler*innen hatten die Aufgabe, ihre persönliche Wahrnehmun des Raumes (oben im Bild) anhand des Polaritätenprofils zu beschreiben. Einige Eindrücke fielen teilweise ähnlich oder sogar gleich aus. So empfanden die meisten den Raum als modern (versus zeitlos), freundlich (versus streng), und geordnet (versus chaotisch). Andere Eindrücke variierten dagegen stark, wie etwa zur Frage, ob der Raum als warm oder kalt empfunden wird. Antworten können bei dieser Abfragemethode sehr leicht untereinander verglichen werden, was den Beteiligten sehr viel Spaß und neue Erkenntnisse bereitete.

Ziel der Abfrage war jedoch nicht herauszufinden, ob und inwiefern die Schüler*innen den Raum ähnlich empfinden, sondern viel mehr,wiesie den Raum empfinden und dass sie Worte wählen, diese räumliche Empfindung zu formulieren. Dadurch wird die bewusste Auseinandersetzung mit der räumlichen Umgebung gefördert und die schriftliche Formulierung holt die abstrakte Empfindung auf die sprachliche Ebene.

Ein weiterer Aspekt ist, dass es kein richtig oder falsch in der Empfindung über einen Raum gibt. Das klingt banal, ist aber essenziell, um später persönliche, räumliche Bedürfnissen erkennen und formulieren zu können. Die Frage „Wie findest Du den Raum?“ würde vermutlich eine eher kurze Antwort provozieren, wie „gut, oder nicht gut“. Im Vergleich dazu bewirkt das schriftliche Erheben der Eindrücke beim stillen, persönlichen Betrachten eine genauere Raumwahrnehmung und sensibilisiert für die Umgebung. Das Ergebnis einer solch tieferen Betrachtung führt zu einer differenziertenund persönlicheren Wahrnehmungdes Raumes und hat keinesfalls den Anspruch, mit anderen deckungsgleich zu sein.

Das Ergebnis der Abfrage und deren anschließende Auswertung zeichnet ein allgemeines Stimmungsbild über den Istzustand des Raumes.

Ist es das Ziel, den Raum im Sinne der Nutzer zu optimieren, wird das Polaritätenprofil erneut eingesetzt, um zu erfahren, wie sich die Beteiligten den Raum wünschen. Auf diese Weise können deckungsgleiche oder auch stark unterschiedliche Ergebnisse Schlüsse für die weitere Gestaltung geben. Die Auswertung kann als Orientierung bei der Entwurfsgestaltung dienen und bei der späteren Entwurfsargumentation eingesetzt werden. 

5 und 6 Semantisches Differenzial zur Abklärung räumlicher Anmutungsqualität
Links: Erhebung des Ist-Zustands
Rechts: Erhebung einer Zielvorstellung

Meine Kollegin Pia Anna Buxbaum setzt das Polaritätenprofil bei Ihren Farbkonzepten und Softskillkonzepten seit langem erfolgreich ein und meint dazu: „Es ist sehr hilfreich, das Gespräch auf eine abstrakte Ebene zu bringen. Ich nutze das semantische Differenzial zuerst als Zustandsbeschreibung, dann als gemeinsame Zieldefinition und Basis für mein Farbkonzept und meinen Entwurf bzgl. Gebäudesoftskills. Bei der Präsentation nehme ich es wieder zur Hand und nutze es auch dazu, die fertigen Konzepte vorzustellen. Dadurch steigt die Akzeptanz und Annahme der Entwürfe. Ein sehr praktischer Nebeneffekt.“

Im Sinne einer bedürfnisorientierten Raumgestaltung kann das semantische Differenzial helfen, bereits im Vorfeld einer räumlichen Änderung gemeinsam mit künftigen Nutzern einen Istzustand zu erheben und einen Sollzustandzu definieren. Ein gutes Beispiel aus meiner persönlichen Erfahrung ist die Anwendung des Polaritätenprofils bei der „NewWork“ Bürogestaltung, wo oftmals viele Mitarbeiter*innen am Entwurfsprozess beteiligt sind. Auch bei Gemeinschaftswohnprojektenmit vielen Beteiligten, ist es eine wirksame Methode, um zahlreichen Eindrücken Einzelner auf die Spur zu kommen und folglich deren Bedürfnisse auszuarbeiten.  

Abschließend sei erwähnt, dass diese Methode keine realwissenschaftlichen Erkenntnisse abbildet, sondern eine Erhebung subjektiver Empfindungen darstellt.

Sollten Sie Interesse haben, diese Methode einzusetzen und Sie selbst ein Polaritätenprofil erstellen möchten, gibt’s hier eine Anleitung. Ich wünsche viel Freude dabei.

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1 Kommentar

  1. Klingt verlockend: quantitative Erfassung, hohe Vergleichbarkeit und einfache Auswertung von Räumen. Früher habe ich das mit der raumbezogenen Wahrnehmung nach Piaget probiert.

    Bei dem 3D-Bild im Artikel habe ich mir nicht genug Zeit genommen, etwas zu sehen.
    In dem im Artikel vorgestellten spannenden Werkraum Bregenzer Wald würde ich mir sicher mehr Zeit für meine Wahrnehmungen nehmen.

    Antworten

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Quellenangaben und/oder Fußnoten:

Buch „Farbe – Kommunikation im Raum“ von Meerwein, Rodeck, Mahnke, erschienen im Birkäuser Verlag, 4. überarbeitete Ausgabe 2007, ISBN-13: 978-3-7643-7595-9
Abbildungen: 1 Michiru Takaoki, aus dem Buch „Magische Welt – Die Schönheit der Natur – dargestellt in Stereogrammen“, Kunoh Hiroshi und Takaoki Eiji, erschienen in Deutsch 1994 bei arsEdition ISBN 3-7607-1142-1| 2-4 Angela Lamprecht | 5,6 Meerwein, Rodeck, Mahnke

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