Klimaneutrale Ziegel – Greenwashing oder Fakt?

8 Kommentar(e)

Der Ziegelbau hat sich enorm weiter entwickelt. So gibt es beispielsweise längst Ziegel, mit welchen man ohne zusätzliche Wärmedämmung der Wände Passivhäuser bauen kann. Auch der Energiebedarf zur Herstellung der Ziegel konnte erheblich reduziert werden. Nun bieten einige Hersteller „klimaneutrale Ziegel“ an. Was ist damit gemeint und was ist davon zu halten?

Noch in den 90er Jahren waren für Ziegel Wärmeleitwerte von ca. 0,12 – 0,16 W/mK Standard. Mittlerweile gibt es Ziegel mit Wärmeleitwerten von ca. 0,07 W/mK (zum Vergleich: Wärmedämmstoffe ca. 0,04 W/mK, Vollholz ca. 0,13 W/mK, Beton 2,1 W/mK). Ziegel brennen und trocknen benötigt jedoch viel Energie. Brennöfen erreichen eine Temperatur von rund 1.000° Celsius. Entsprechend hohe CO2-Emissionen sind die Folge. Ziegelhersteller – wie auch Hersteller anderer energieintensiver Baustoffe – sind deshalb besonders gefordert, als Beitrag zum Klimaschutz Energie einzusparen. Einige Hersteller sind mittlerweile in der Lage, „klimaneutrale Ziegel“ herzustellen. Hierzu zwei Beispiele (Herstellerinformationen, redaktionell gekürzt):   

Schlagmann Poroton GmbH

Poroton T7

Wir haben eine 3-Säulen-Strategie entwickelt, die unsere perlitgefüllten Ziegel Poroton-T7 (siehe Abbildung), -S8 und -S9 zu klimaneutralen Ziegeln macht:

  • Energie sparen, Emissionen vermeiden: Energieströme werden erfasst und permanent kontrolliert. Darüber hinaus wird laufend geprüft, ob und wo weitere Verbesserungen möglich sind. Wirkungsvoll waren Investitionen in Höhe mehrerer Millionen Euro, z,B. für einen neu gestalteten Ofen-Trockner-Verbund, Kraftwärmekopplungen sowie eine Vielzahl kleinerer Maßnahmen wie die Beleuchtung in Büros und Produktionsanlagen sowie der Austausch von Motoren mit höheren Effizienzklassen. Ein jährliches, extern überwachtes Audit sichert das hohe Level des Energiemanagementsystems.
  • Strom aus erneuerbaren Energien einsetzen: Unser Energieversorger liefert Strom aus erneuerbaren Energien wie Wasserkraft. Auf ehemaligen Tongruben und auf vielen Hallendächern produzieren mittlerweile Tausende Photovoltaik-Module erneuerbare Energie.
  • Kompensation durch Klimaschutzprojekte: Restliche CO2-Mengen werden durch zertifizierte UNFCCC-Klimaschutzprojekte kompensiert; hierfür kauft das Unternehmen CO2-Gutschriften zur Stilllegung und Kompensation (UNFCCC = Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen).

Hörl & Hartmann GmbH

Wir verfolgen eine Unternehmenspolitik zur Umsetzung eines Energie- und Umweltmanagements (nach ISO 50001 und ISO 14001). Unser Anspruch ist, wirtschaftliches Wachstum mit der Verantwortung unseren Mitmenschen und dem Erhalt der Natur gegenüber in Einklang zu bringen. Diese wesentlichen Unternehmenswerte zeigen sich durch nachhaltiges Wirtschaften auf der Basis alternativer Energiequellen sowie durch ökologische Renaturierungs-Programme wie u.a.:

  • Ökologische Produktionsformen einschl. Förderung ökologischer Kreisläufe, wie z.B. Einbau einer regenerativen Nachverbrennungsanlage zur Reinigung der Abgase.
  • Nutzung erneuerbarer Energien vor Ort wie z.B. eine betriebseigene Photovoltaikanlage auf Produktionshallen-Dachflächen sowie Bau einer Windkraftanlage.
  • Produkte mit minimalem Energieeinsatz produzieren und Umweltbelastungen vermeiden, wie z.B. bei dem Ziegel „Unipor Silvacor“ (siehe Abbildung) mit integriertem Wärmedämmstoff aus Holzfasern.
  • Frühere Tongruben verwandeln in renaturierte Flächen und Biotope mit einheimischer Flora und Fauna.

Fazit

Dass Produkthersteller sich ihrer Verantwortung für den Klima- und Umweltschutz stellen und klimaneutrale Produkte anbieten, verdient Anerkennung und ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg in eine nachhaltig funktionierende Zukunft. Wo viel Licht ist, ist bekanntlich aber auch Schatten: Noch besteht ein großer Teil unserer Energieversorgung nicht aus erneuerbaren Energiequellen und so lange es so ist, ist es besser, Produkte zu verwenden, zu deren Herstellung wenig Energie verbraucht wird, also z.B. Produkte aus ungebranntem Lehm (Ziegelhersteller könnten z.B. auch ungebrannte Lehmsteine und -produkte anbieten) oder aus nachwachsenden Rohstoffen wie Holz, Stroh oder Hanf.

Dass unsere Energieversorgung noch nicht zu 100 % auf erneuerbaren Energiequellen basiert, kann nicht Produktherstellern wie den hier genannten Firmen angelastet werden, die große Anstrengungen unternehmen, um klimaneutral produzieren zu können. Diese sind bereits auf einem guten Weg. Werden energieintensiv hergestellte Produkte benötigt, sollte man deshalb Produkte dieser Anbieter bevorzugen.

Eine weitere Möglichkeit, Ressourcen und Energie einzusparen, ist durch das Recycling von Ziegelbruch gegeben. So bietet z.B. der Ziegelhersteller Leibfinger-Bader neben umfangreichen Maßnahmen im Sinne des Klima- und Umweltschutzes die Rücknahme von Ziegelbruch an. Dieser wird nach Reinigung z.B. als Substrat für Dachbegrünungen wiederverwendet.

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8 Comments

  1. In der neuen Broschüre „Re-Use und Recycling von Ziegeln – Status quo und Perspektiven“, vom Bundesverband der Deutschen Ziegelindustrie, werden die aktuelle Praxis und Perspektiven im Baustoffrecycling aufgezeigt – siehe https://ziegel.de/sites/default/files/2020-03/200305_Recyclingbroschuere_Layout_RZ_WEB%5B8526%5D.pdf

    Im 11. Monitoring-Bericht der Initiative „Kreislaufwirtschaft Bau“, zum Aufkommen und Verbleib mineralischer Bauabfälle (Datenerhebung 2016 – veröffentlicht 2019 – der nächste Bericht wird im Frühjahr 2021 erscheinen), wird auf Basis der Daten des Statistischen Bundesamtes dargelegt, dass die Recyclingquote für Bauschutt bei 77,7% liegt (2016) – siehe: http://www.kreislaufwirtschaft-bau.de

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  2. Ziegel im gewünschten „Cradle to Cradle“-Prinzip weiter zu verwerten ist in der Tat sehr schwierig. Gründe sind die eben fehlende Tragfähigkeit des Ziegelwerkstoffes. So ist der Einsatz im Unterbau von Wegen und als Zuschlagstoff in Betonen eher im unteren Prozentbereich. Auch die Aufbereitung beispielsweise als Vegetationssubstrat lässt nur Ziegelabfälle zu, welche kaum bis keine (Abfälle aus der Herstellung) Verschmutzungen aufweisen. Ein weiteres Problem hierbei ist, dass Recyclingprodukte, wie beim Vegetationssubstrat oftmals teurer sind als das gleiche Produkt aus neuen Materialien. Das wollte ich in der Runde gerne nochmal anmerken.
    Ziegelabfälle aus dem Rückbau von Gebäuden sind oft mit Mörtel, Putzen oder diversen Dämmstoffen verschmutzt. Das behindert ein Recycling zu den genannten Produkten und somit haben wir hauptsächlich „Cradle to Grave“ (Von der Wiege zur Bahre).

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  3. Schlagmann POROTON verwendet zur Porosierung der Ziegel zu 99,7% Papierfasern und Sägespäne – zu 0,3% wird EPS verwendet.

    Da Ziegel bei Temperaturen von über 900 °C gebrannt werden, verbrennen sämtliche Porosierungsstoffe rückstandsfrei (auch EPS). Das endgültige Ziegelprodukt ist frei von organischen Bestandteilen. Dies zeigen z.B. auch die Ergebnisse von Prüfkammermessungen im Rahmen der ECO-Zertifizierung.

    Bei diesen hohen Temperaturen wird EPS auch nicht vergast, sondern rückstandslos verbrannt – ggf. entstehende Rauchgase werden in einer TNV-Anlage nachverbrannt und die Abluftströme über Filtersysteme gereinigt.

    Warum verwendet man Prorosierungsstoffe überhaupt? Durch die Porosierung des Ziegelmaterials werden feine Luftporen im fertigen Ziegel geschaffen. Diese sorgen für eine hohe Wärmedämmung des Ziegelscherbens. Durch den wärmetechnisch verbesserten Ziegelscherben spart man quasi ein Leben lang Energie und damit u.a. CO2. Auch während des Brennvorganges wird durch die Porosierung Energie eingespart, da zum einen der Scherben leichter wird und zum anderen die Porosierungsstoffe im Ziegelofen verbrennen und dabei Energie freisetzen, die zum Brennen der Ziegel genutzt werden kann.

    Zum vorausgehenden Kommentar bezüglich EOL: Bei der Trennung von Ziegelabbruch sind in den letzten Jahren enorme Fortschritte zu verzeichnen, so dass es möglich ist, aus alten Ziegeln wieder Neues zu schaffen – z.B.: Frostschutz- und Schottertragschichten, Vegetationssubstrate, Zuschlagstoffe für Recyclingbetone, Tennenbeläge, Ziegelschaumplatten, etc.

    „Ziegel to Ziegel“ ist “Cradle to Cradle” – und somit ist mit Ziegel der Kreislauf “Von der Wiege zur Wiege” möglich.

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  4. Natürlich ist es zu begrüßen, dass hier wichtige Bemühungen zur Verbesserung der Ökobilanzen im Gange sind. Der Vollständigkeit halber wäre hier jedoch noch von beiden Herstellern noch ein Satz zu den für die Porenbildung verwendeten Materialien wichtig. Wird hier nämlich EPS (Polystyrol) in den Öfen vergast, trübt das den ökologischen Gedanken gewaltig …..

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    • Hörl & Hartmann verwendet u.W. als Porosierungsmittel Sägespäne, Schlagmann Proton zu 99,7 % Papierfasern und Sägespäne und zu 0,3 % EPS – siehe Beitrag von Alfred Emhee vom 07.05.2020.
      Unseres Wissens verbleiben in den Ziegeln nach dem Brennen zusammen mit EPS als Porosierungsmittel keine toxisch relevanten Schadstoff zurück, auch gelangen dadurch keine toxisch relevanten Schadstoffe in die Umwelt. Dennoch favorisieren wir aus ganzheitlich ökologischen Gründen als Porosierungsmittel Sägespäne oder Papierfasern.

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  5. Ich kann die positive Resonanz des Artikels nicht 100%ig teilen. Betrachtet man das EoL (Anm. der Redaktion: EOL = “End of Life”) der Ziegel, egal welche Füllung sie haben, stellen sie für eine spätere Entsorgung aktuell eher Problemfälle dar. Der Materialmix lässt eine Verwertung nur unter Laborbedingungen zu.

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  6. Ich freue mich über diese Entwicklung und empfehle auch weitgehend diese Produkte. Jeder kleine Schritt führt zu Verbesserungen!

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  7. Ein interessanter Artikel!

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Quellenangaben und/oder Fußnoten:

Bild: Verschiedene Ziegelanbieter

Autor
Winfried Schneider

Winfried

Schneider, IBN

Architekt und Geschäftsführer des Institut für Baubiologie + Nachhaltigkeit IBN in Rosenheim

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