Raus aus der Nische – Strohballenbau

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Das Wissen um Strohballenbau hat sich in den letzten Jahrzehnten auf Basis vieler Pionierprojekte etabliert. Der Frage, wie sich diese Erfahrungen in die Breite tragen lassen, geht ein Forschungsteam an der Universität Bayreuth nach, das sich mit regionalen Wandelprozessen beschäftigt.

Handlungswissen regional erforschen

Von Strohballenbau hatte unser Forschungsteam zunächst wenig Ahnung. Wir beschäftigen uns mit der Gestaltung regionaler Wandelprozesse angesichts der Klimakrise. Diese Forschung findet im Kontext der Plattform forum1.5 statt, ein Netzwerk zur regionalen Erreichung der Klimaziele, und wird vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz (StMUV) seit 2018 als Projekt „RegioTransform“ gefördert. Im Sinne transformativer Forschung geben wir von Seiten der Hochschule regional Impulse, Projektanstöße und bauen Netzwerke auf. Forschungsansatz ist die Vernetzung von Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft in unterschiedlichen Formaten. Einerseits organisieren wir thematische Workshops, Veranstaltungen und Tagungen, andererseits beforschen wir konkrete Projekte und Initiativen in unterschiedlichen Handlungsfeldern. Handlungsfelder ergeben sich aus den lokalen Bedarfen, aber auch aus der Dringlichkeit für Veränderung. Dabei erforschen wir sogenanntes Handlungswissen. Also anwendungsbezogenes Wissen, das aufzeigt, wie Veränderung gestaltet werden kann.

1 Im Gespräch mit dem lokalen Lehmbauer Wolfgang Stein
2 Interview mit dem Architekt Christian Keil, der sich auf die Strohwalz gemacht hat
3 Zu Besuch bei Susanne Körner und Tilman Schäberle im Shakti-Haus, ein Strohballenhaus das mit viel Eigenleistung gebaut wurde

Mit dem Gewinn beim Hochschulwettbewerb fing es an

Eines dieser Handlungsfelder ist die Gestaltung einer regionalen Bau- und Wohnwende. Mit der Erkenntnis, dass ein „weiter so wie bisher“ in der Baubranche und auf dem Wohnungsmarkt nicht mehr gesellschaftlich und ökologisch haltbar ist, geht es in diesem Handlungsfeld darum, wie wir einen Stadtwandel nachhaltig gestalten. Ein Lösungsansatz, den wir in diesem Feld diskutieren, ist das Bauen mit regionalen, kreislauffähigen und emissionsarmen Materialien. Ich selbst hatte vor Jahren im Ökodorf Sieben Linden im Rahmen einer Mitmachwoche Stroh-Häuser mit eigenen Augen gesehen und damals schon gedacht, “Das ist die Zukunft”. Außer mir kannte Niemand im Team diese nachhaltige Möglichkeit, mit regionalen Ressourcen zu bauen. Anlässlich des Hochschulwettbewerbs im Wissenschaftsjahr 2020/2021 zum Thema Bioökonomie reichten wir das Projekt “StrohStadtStaunen” ein und gewannen mit unserem Konzept. Den Wettbewerb nutzten wir also mit der Absicht, uns selbst in die Thematik zu vertiefen, als auch Begeisterung in der Region für Strohbau zu erzeugen.

Den Strohbaupionieren auf der Spur

In unserem ersten Projektbaustein machten wir uns auf die Suche nach Lehm- und Strohbaupionieren und führten mit ihnen Interviews. So konnten wir selbst über die unterschiedlichen Strohbautechniken lernen und Strohbauprojekte besichtigen. Wir starteten in der Region und weiteten danach die Kreise, bis wir beim Norddeutschen Zentrum für Nachhaltiges Bauen (NZNB) in Verden ankamen; dort befindet sich auch die interessante Ausstellung “nachhaltig.bauen.erleben”. In neun Gesprächen, die auch als Podcasts im Kanal “Wohn[t]räume” auf Spotify zu hören sind, konnten wir mehr über die Geschichten des Gelingens und die persönliche Motivation dieser Pioniere erfahren.

Vom Stroh im Kopf zum Stroh in den Köpfen

Nach all diesen erfolgreichen Best-Practice Beispielen, stellte sich unser Team die Frage, wie dieses Pionierwissen auch in der Region um Bayreuth an Bedeutung gewinnen könne? Niederschwellig wurde im Rahmen eines Straßenfestes ein spielerisches Experimentierbecken mit Stroh und Lehm aufgebaut. Die Künstlerin Anja Zeilinger thematisierte in der Ausstellung „zuhausen“ die Rolle der Natur in unserem Wohnraum und baute aus Strohballen eine temporäre Installation. In einem Workshop vermittelten Florian Hoppe (FASBA e.V.) und Wolfgang Stein (lokaler Lehmbauer) erstes Fachwissen rund um Stroh- und Lehmbau. Darüber hinaus inspirierte uns ein Podcast-Gespräch mit dem Team aus Verden, eine regionale Wanderausstellung zum Thema Strohballenbau zu erarbeiten. Auf 22 Bannern werden nun Geschichte, Bautechnik und inspirierende Bauwerke rund um den Strohbau vorgestellt. Die Ausstellung steht noch bis Januar 2023 an der Universität Bayreuth und wird dort auch im Rahmen der Lehre integriert.

4 Workshop zu Stroh- und Lehmbau mit Florian Hoppe
5 „StrohStadtStaunen – Ein Baustoff unter der Lupe“. Ausstellung an der Universität Bayreuth
6 Die Strohballen werden im Projekt „Strohraum am Apfelbaum“ gesetzt. Als Lern- und Mitmachprojekt wurden über 50 Menschen aus der Region in den Modellbau eingebunden.
7 Blick in die Baustelle. In den Frühen Morgenstunden wird am 4. Arbeitseinsatz im Projekt Strohraum am Apfelbaum die Decke eingezogen und die Wände mit den ersten Lehmschichten verputzt.
8 Florian Hoppe, Sarah Hoppe und Alexandra Schenker-Primus stellen als Z-Architektur im Rahmen der StrohBallenBauTage 2022 ihre Projekte rund um lasttragendes Bauen vor.
9 Werner Schmidt begeistert die über 100 Teilnehmenden, die für die Fachtagung an der Universität Bayreuth zusammengekommen sind.

Erfahrungsprojekt zum Mitmachen

Die Resonanz in der Region war groß und es entstand der Wunsch, anhand eines Experimentalbaus das Wissen praktisch zu veranschaulichen. Unter dem Namen „Strohraum am Apfelbaum“ entstand dieses Jahr ein Mitmachprojekt mit ganzheitlichem Ansatz. Auf einer Streuobstwiese wurde an vier Wochenenden als offene Mitbauaktionen ein Raum aus Strohballen in einen Scheunenunterstand gebaut. Dieser dient in Zukunft als Werkstatt und Apfellagerraum für die Solidarische Landwirtschaftsinitiative, die diese Streuobstwiese bewirtschaftet. Das Projekt wird nächstes Jahr im Frühjahr abgeschlossen und wurde fachlich unter anderem vom Team der Ziegelhof-Architektur aus Weimar begleitet.

Erste Fachtagung: StrohBallenBauTage in Bayreuth

Der nächste bedeutende Schritt, den Strohballenbau aus der Nische in das gesellschaftliche Bewusstsein zu holen, war die Veranstaltung einer Fachtagung. Aus der Kooperation mit Florian Hoppe wuchs die Idee für eine Fachtagung zum lasttragenden Strohballenbau. Die Technik, die auch als Nebraska-Stil bekannt ist, gilt als die Urform des Strohballenbaus, wie sie in den USA um 1900 entstanden ist. Dabei werden die Strohballen wie Mauersteine gesetzt und tragen die Deckenlast. Entsprechend fanden im September 2022 erstmalig die StrohBallenBauTage an der Universität Bayreuth statt. Pioniere wie Virko Kade aus Österreich und Werner Schmidt aus der Schweiz stellten ihre Praxiserfahrungen rund um den lasttragenden Strohballenbau vor. Damit diese Häuser auch in Deutschland leichter genehmigt werden, untersucht die Bauhaus-Universität in Weimar die Eigenschaften und das Tragwerksverhalten von Strohballen und arbeitet dabei eng mit der Ziegelhof Architektur und dem FASBA e.V. als Praxispartner zusammen. Ziel ist es, von der kosten- und zeitintensiven Einzelfallprüfung zu Standards zu kommen, auf die sich Baubehörden berufen können. Nach der großen Resonanz von über 100 Teilnehmenden, stand direkt fest, dass es am 12. und 13. September 2023 die zweiten StrohBallenBauTage geben wird, diesmal in Weimar.

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1 Kommentar

  1. Ich bewohne selbst seit Mitte 2022 ein Strohballenhaus, das wir selbst gebaut haben. Im Haus haben wir ca. 30 Tonnen Lehmbaustoffe verbaut, die einen wunderbaren Einfluss auf das Raumklima haben und das Temperaturverhalten sehr schön dämpfen. Als Heizung haben wir uns für eine Flächenheizung in Kombination mit einer Wärmepumpe entschieden. Damit können wir dann auch passiv kühlen, was hier im Rheintal mit den heißen Sommern Sinn macht.

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Quellenangaben und/oder Fußnoten:

Fotos: (1, 2, 4 ) Elena Michel | (3) Jermaine Hermann | (5, 8, 9) Teresa Hofmann | (6, 7, Titelbild) Lisa Würzebesser, Christina Ebisch

Autorin

Elena

Michel

Transformationsforscherin, Universität Bayreuth

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